Dem Sinnlosen Sinn abtrotzen

Shakespeare lässt im 2. Akt von »Wie es euch gefällt« den melancholischen Jacques sagen:

Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab.
Sein Leben lang spielt einer manche Rolle
Durch sieben Akte hin.

Das klingt einigermaßen ausweglos, obwohl der Dichter in seinem Stück niemanden als Verursacher dieser sieben Akte des menschlichen Daseins benennt. Zwar ist auch nicht davon die Rede, dass »einer manche Rolle« frei wählen könnte, aber das wäre für seine Zeit, in der ein Leben ohne Transzendenzbezug schier unmöglich war, wohl auch zu viel verlangt; bis Nietzsche die Beobachtung machte, dass Gott tot sei, brauchte es noch knappe 300 Jahre. Trotzdem könnte man mit Shakespeare die Ahnenreihe der existenzialistischen Philosophie eröffnen, enthalten diese wenigen Verse doch alles, was die menschliche Existenz in der Moderne kennzeichnet. Von der Zufälligkeit des Lebens eines ins Dasein geworfenen Menschen, bis zum Horizont des Todes, auf den hin man sich zu entwerfen hat. Ein solches Leben führen zu müssen, ohne einen transzendenten Boden unter den Füßen zu haben bzw. sich in der ›festen Burg‹ des Glaubens zu wähnen, ist es, worauf der Existenzialismus eine Antwort zu geben versucht.

Das neue Sonderheft des in Berlin erscheinenden Philosophie Magazins »Die Existenzialisten – Lebe Deine Freiheit« beginnt mit seiner Spurensuche verständlicherweise später und konzentriert sich in der Darstellung vor allem auf die drei Hauptfiguren Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus, doch bleiben auch Vorläufer und Nachfolger wie Kierkegaard, Nietzsche, Husserl, Heidegger, Jaspers und Merleau-Ponty nicht ganz unberücksichtigt. Catherine Newmark, die Chefredakteurin dieser Sonderausgabe, hat damit ein höchst spannendes Heft gestaltet, das die wohl wichtigste und vor allem auch publikumswirksamste Philosophie des 20. Jahrhunderts  vorstellt.

Vor allem die drei Hauptfiguren Sartre, Beauvoir und Camus, wurden in der Öffentlichkeit wie Stars wahrgenommen, die mit ihrem Denken und Leben eine ganze Generation inspirierten. Dies verdankte sich zum einen der geschichtlichen Situation der Nachkriegszeit, dem Horizont der Katastrophe, mit Millionen Toten, die das menschliche Leben gänzlich entwertet zu haben schien. Zum anderen aber der Botschaft des Existenzialismus, die jedem Einzelnen wieder Freiheit zusprache und ihn aufforderte sich selbst neu zu wählen und auf eine Zukunft hin entwerfen, gewissermaßen das Sein angesichts des Nichts sinnvoll zu leben, wie es bereits der Titel des Gründungsdokuments des Existenzialismus, Sartres 1943 veröffentlichtes Buch »Das Sein und das Nichts«, zum Ausdruck bringt. Natürlich steckte darin auch viel Ideologie, aber wie wäre dies zu vermeiden, wenn etwas oder jemand dem Leben Richtung und Sinn zu geben versucht, zumal Sartre den Existenzialismus durchaus als Handlungsaufforderung verstand. Eine Aufforderung zur Rebellion, die sich auf vielen gesellschaftlichen Gebieten auswirkte.

»Die Existenzialisten eint die wütende Weigerung, die Welt so, wie sie ist, als den natürlichen, vorherbestimmten Lebensraum des Menschen hinzunehmen.« schrieb Hannah Arendt 1946 in dem Artikel »French Existentialism« für die amerikanische Wochenzeitschrft ›The Nation‹, der im gegenwärtigen Sonderheft erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt.

Es verwundert deshalb nicht, dass der Existenzialismus über den Rahmen der Philosophie hinaus auch zu einer gesellschaftlichen Bewegung werden konnte, die sich auf den Kolonialismus ebenso auswirkt wie auf den entstehenden Feminismus, für den Simone de Beauvoir mit ihrer 1949 veröffentlichten Phänomenologie »Das andere Geschlecht« die theoretischen Grundlagen schuf. Nimmt man die Studentenbewegung der 68er, die Bürgerrechtsbewegung, die sexuelle Befreiung und die Schwulenbewegung, nichts davon wäre ohne den Existenzialismus und seine Exponenten in der bekannten Weise möglich gewesen.

Und das ist letztlich auch der Grund, warum er bis auf den heutigen Tag niemals vollständig seine Wirkung eingebüßt hat. Albert Camus Bücher, »Der Fremde«, »Die Pest« und »Der Mythos von Sisyphos« werden immer noch gelesen. Ebenso wie die Bücher von Simone de Beauvoir. Sartres Philosophie mag heute auf den ersten Blick etwas out of step mit der Gegenwartsphilosophie sein. Das liegt nicht nur an den wechselnden philosophischen Moden, sondern vor allem auch daran, dass wir lange Jahre gesellschaftlicher Schläfrigkeit hinter uns haben. Doch wäre zumindest Sartres zweites Hauptwerk »Die Kritik der dialektischen Vernunft« von 1960 ein entscheidend wichtiges Buch, wenn das Wiederaufleben der Kritik und des politischen Kampfes stattfinden sollte. Die weltweiten Flüchtlingsströme, der Niedergang der Demokratien in Europa, ja, das mögliche Zerbrechen Europas selbst, stehen auf der Agenda. Das »Lebe deine Freiheit« des Existenzialismus wäre für unsere Gegenwart eine mehr als dringende Aufforderung.

Das Sonderheft »Existentialismus« mit zahlreichen Originaldokumenten von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus und Beiträgen von Peter Trawny, Alice Schwarzer, Sarah Bakewell u.v.m. stiftet zu einem höchst intelligenten Lesevergnügen an. Doch Vorsicht, existentialistisches Denken hat Rückwirkungen auf das eigene Leben.

PS: Warum das so ansprechend gezeichnete Cover des Heftes ausgerechnet der Simone de Beauvoir ein Weinglas in die Hand drückt, ist mir unverständlich. Der Trinker in dieser offenen Beziehung war nicht sie sondern Sartre.

Philosophie Magazin, Sonderheft 9, »Die Existentialisten«, Euro 9,90


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Peter H. Gogolin

Schriftsteller, wohnt in Wiesbaden. Studium der Humanmedizin, Philosophie und Neuere deutsche Literaturwissenschaften, Ausbildung zum Psychoanalytiker. Arbeitet seit 1981 als freier Schriftsteller. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. bei Kiepenheuer und Witsch, Suhrkamp, Kulturmaschinen. Spielfilme und Dokumentarfilme. Zahlreiche Theaterstücke.

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