Ein literarisches Kleinod

Manfred Maurenbrecher Künstlerkolonie Wilmersdorf

Manfred Maurenbrecher Künstlerkolonie Wilmersdorf

Manfred Maurenbrecher hat ein Buch über die Künstlerkolonie Wilmersdorf geschrieben. Er ist dort aufgewachsen und wohnt nun wieder in dem Areal in der Nähe des Breitenbachplatzes. Und natürlich schildert er uns, mit dem Blick des Zeitzeugen und des Bewohners Begebenheiten und Geschichte der Siedlung.
Was aber das Buch zu einem besonderen Buch macht, was es auch lesenswert werden lässt für Leute, die sich keinen Deut um Künstlerkolonien, berlinische Zeitläufe und architektonische Attitüden kümmern ist die Sprache Maurenbrechers. Eine wundervolle Sprache, wie aus der Zeit gefallen, was zugleich bedeutet, dass sie altmodisch nicht sein kann, denn dann wäre sie ja in der Zeit. Nein, sie ist in ihrer Schönheit bar aller modischen Zuordnungen. Sie, die maurenbrechersche Sprache schafft es, dass aus dem Büchlein ein Juwel wird und zugleich aus der Schilderung durch die Jahre eine Odyssee, ja eine kleine Ulysses. Das Terrain engbegrenzt, im Gegensatz zur relativen Weite Dublins bei Joyce, aber die Zeit ganz weit. Doch das Zurück in der Zeit ist immer ledig aller Reminiszenzen. Der Rückblick ist für Manfred Maurenbrecher die Vervollständigung des jetzigen, die Gegenüberstellung und der Hinweis auf die vielfältigen Veränderungen.
Maurenbrechers Buch ist kein Roman, deshalb ginge der Vergleich zu Doderers Roman „Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“ im Genre zwar verfehlt, nicht jedoch in der wunderbaren Verwendung von Sprache als Überbringer einer Botschaft. Und das Buch Maurenbrechers tut, was auch Maurenbrechers Lieder tun, was man im Werk des Berliner Künstlers findet, nämlich den Humanismus und die Solidarität; beides Fixpunkte in der Arbeit des Sängers, Komponisten und Schriftstellers.

Gegründet wurde die Künstlerkolonie Wilmersdorf in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründet. Viele prominente Künstler lebten hier. Oft, trotz ihrer Bekanntheit, am Rande des Existenzminimums. Die Kolonie war nicht für pünktliche Mietzahlungen bekannt. Oft suchen sich die Bewohner ein warmes Essen bei denen dort zu ergattern, die gerade ein Engagement auf den Berliner Bühnen oder bei der UFA hatten. Über die Jahre sind die Künstler immer der Kern der Siedlung gewesen, sie haben sie geprägt. Noch heute gibt die Zusammenkünfte der Bewohner, die im Künstlerischen Bereich tätig sind.

Dieses Gemisch aus deutscher Geschichte, wohlbekannten Namen, der bitteren Realität, in der viele Kunstschaffende leben mussten und noch leben formt Manfred Maurenbrecher mit Eleganz und einer unangestrengten Sprache auf höchstem Niveau zu einem Buch, dass man, um des Lesers willen, gelesen haben muss. Gehen Sie los, kaufen Sie sich ein Exemplar. In der Buchhandlung ihres Vertrauens.

Manfred Maurenbrecher, Künstlerkolonie Wilmersdorf, 144 Seiten, Taschenbuch,ISBN 978-3898091282, 10 €,
Webseite der Künstlerkolonie
Wikipedia zur Künstlerkolonie


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Leander Sukov

Schriftsteller, wohnt in Ochsenfurt. Studium der Volkswirtschaft (unvollendet). Geschäftsführer und Prokurist bei Unternehmen in Hamburg und Berlin. PR-Manager und Kulturjournalist. Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller und des PEN Zentrums Deutschland.