Es ist nicht der Fußball…

Joey und Topthorn London_Prio 1_Copyright Brinkhoff_Moegenburg_bevorzugt einsetzen_c3267682a1O_10%…sondern die Liebe zum Pferd, die offenbar Engländer und Deutsche stark verbindet. Seit 2007 läuft „War Horse“ erfolgreich am National Theatre of Great Britain in London, seit dem 20. Oktober 2013 nun auch unter dem Titel „Gefährten“ in Deutschland im traditionsreichen Berliner Theater des Westens.

Die Story ist schnell erzählt: Albert zieht ein Fohlen auf, und als das Pferd von Alberts Vater zum Beginn des Ersten Weltkriegs an die Kavallerie verkauft wurde, gibt es für ihn nur ein Ziel. Mit achtzehn meldet er sich freiwillig, zieht ebenfalls in den Krieg und versucht sein Pferd auf dem Schlachtfeld wiederzufinden. Das gelingt, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute. Doch kann man die Geschichte auch ausführlicher erzählen: Alberts Vater Ted rivalisiert mit seinem Bruder Arthur, der vermögend ist. Ted übernimmt sich und ersteigert ein Fohlen. Das Geld sollte er eigentlich zur Bank bringen, um eine Hypothek abzulösen. Nun hat er sich zum Gespött gemacht, weil er ein Fohlen viel zu teuer erstanden hat und die Familie existentiell gefährdet. Und noch einmal läßt sich Ted auf eine Wette mit seinem Bruder Arthur ein. Schafft es das Pferd nicht binnen einer Woche einen Pflug zu ziehen, gehört das Pferd Arthur und damit auch das Kapital, das man aus dem Verkauf des Tieres erzielen könnte. Die Hypothek wäre endgültig dahin. Albert legt sich ins Zeug, bis er Joey soweit hat, dass der sich ins Zeug legt und die Wette gewinnt. Das Pferd Joey gehört nun Albert, sein Vater Ted hat den Einsatz aus der Versteigerung wieder heraus. Doch Ted wird wortbrüchig. Kaum beginnt der Erste Weltkrieg, verkauft er Joey an die Kavallerie…

Wo in der ersten Hälfte noch dramatisches Potential vorhanden ist, wird in der zweiten diesbezüglich nicht mehr viel geboten. Kriegsszenen und militärische Wichtigtuerei wie sie klischeehaft seit jeher bekannt sind und in Nachbetrachtungen gerne bedient werden.

Wären da nicht die Pferde…

Rechtzeitig und kurz vor dem Gedenkjahr 2014, einhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, kommt „War Horse“ vom vielfach preisgekrönten Michael Morpurgo, das auch Grundlage einer Verfilmung von Steven Spielberg war, nun auf eine deutschsprachige Bühne. Die Adaption hierfür schuf John von Düffel, renommierter Bühnenautor und Dramaturg am Deutschen Theater. Er möchte zeigen, dass an den Tieren als Leidtragenden der Schrecken des Krieges besonders spürbar ist.

Joeys Weg als englisches Kavalleriepferd führt nach Frankreich. Nach einer Schlacht gerät er in die Hände und Dienste deutscher Truppen. Da er von Albert das Ziehen eines Pflugs gelernt hat, wiederholt erfährt der Zuschauer, wie sehr das der Natur eines Jagdpferdes entgegen steht, ist Joey auch bereit, einen Verwundeten-Transporter zu ziehen und darüber vom weiteren Fronteinsatz verschont zu bleiben. So überlebt er die Kriegsjahre. Letztendlich gerät das Pferd zwischen die Fronten und ins Stacheldrahtgestrüpp. Darin gefangen und schwer verletzt entscheidet sich sein Schicksal durch die Pferdeliebe beider Kriegsgegner. Möglicherweise besteht die Natur des Menschen auch nicht (nur) aus Töten, denn das Pferd bekommt eine Chance und ein Rückfahrticket auf die englische Insel. Vor einem voreiligen Gnadenschuß kann das verwundete Tier gerade noch bewahrt werden: Albert entdeckt es wieder, und Joeys Lebenswillen kehrt zurück.

Die produzierende Stage Entertainment erwähnt ausdrücklich, dass „Gefährten“ kein Musical ist. Auch von Schauspiel ist nicht die Rede. Der Ablaufplan der sonntäglichen Premiere am 20.10.2013 bezeichnet einen „Showbeginn Akt 1“ und einen „Showbeginn Akt 2“. Die Handlung um ein Pferde- und Menschenschicksal im ersten Weltkrieg der Massenvernichtungswaffen also (nur eine) eine Show?

Möglicherweise ist es im Anglizismen durchsetzten Neudeutsch der beste Ausdruck für das spartenübergreifende Handlungsgeschehen. Denn neben orchestraler Musik, solistischem a-capella-Gesang, Filmprojektionen und einer Fülle von Spezialeffekten sind es vor allem die Puppeteers der südafrikanischen Handspring Puppet Company, die den Reiz des Neuen ausmachen und mittels ihrer lebensnah wirkenden Puppen die Zuschauer emotional ergreifen und binden.

Denn die Hauptfigur Joey, erst als Fohlen, dann als ausgewachsenes Pferd, ist ein Geschöpf aus Rattan, Holz, Leder und Aluminium, das von drei Puppenspielern über Körper, Atem und Stimme belebt und mit Seilzügen, Hebeln und Stangen beeindruckend bewegt und gesteuert wird.

Während die Menschen von einem Schauspieler dargestellt werden, braucht es für so ein Tier gleich drei Spieler pro Aufführung, insgesamt sogar vier Spieler in jeder Bewegungsfunktion, die sich von Aufführung zu Aufführung abwechseln. Die riesigen Pferdefiguren, die sogar einen Reiter tragen, lebensecht wirken zu lassen, ist harte körperliche Arbeit, die dem Zuschauer höchsten Respekt abfordert.

Da springt dann auch der Funke über, wenn Darsteller mit Versatzstücken auf leerer Bühne und in sparsamster Choreografie einen Schauplatz kreieren und darin diese Puppen wie von Zauberhand bewegt eine Imagination schaffen, die den Atem stocken lässt. Dabei sind die Puppenspieler immer dabei und sichtbar…unsichtbar. Tiere auf der Bühne sind Feinde des Schauspielers, diese These scheint sich zu bewahrheiten, selbst als (durchsichtige) Puppen(gerüste) ziehen sie die Aufmerksamkeit des Publikums vor allem anderen in ihren Bann.

Und so endet auch der Theaterabend in brausendem Applaus. Die Show funktioniert vor vollbesetztem Haus. Das wird sich vermutlich oftmals und über lange Zeit wiederholen.

Achim E. Ruppel, 21.10.2013

GEFÄHRTEN
Theater des Westens, Kantstr. 12, 10623 Berlin
mit Heinz Hoeng, Silke Geertz, Philipp Lind u.v.a.
Regie: Polly Findlay
Ausstattung: Rae Smith
Musik: Adrian Sutton

 


Save pagePDF pagePrint page

Achim Ruppel

Achim E. Ruppel, studierte Umwelttechnik (Dipl.-Ing.) in Köln sowie Germanistik, Theaterwissenschaft und Soziologie an der FU Berlin. Autor, Dramaturg, Regisseur, Bühnen- und Filmproduzent