Andreas Neus Stück "Die Gottlosen" wurde im Theaterhaus Mitte aufgeführt. Neu hat mit den "Gottlosen" eine gelungene und dichte Tragikkomödie geschaffen, die ganz gewollt und auch nach dem offensichtlichen Bekunden des Autors an Tschechow ankünft. Dass Neu ein guter und in der Anwendung von dramaturgischen Mitteln geschickter Autor ist, wird schnell deutlich: Man erkennt ganz eindeutig Tschechowsche Figuren, aber sie sind beileibe keine Plagiate: Es handelt sich um Neus Charaktäre, nicht um Übernahmen.
Worum geht es? Jährlich im Sommer versammeln sich auf dem Landgut von Anna Petrowna Menschen, die sich kennen. Es bietet sich nicht an, hier von Freunden zu sprechen. Ihre Verletzungen tragen sie wie Schwerter herum, stets bereit damit zuzustechen, die anderen mit den eigenen Verwundungen zu verwunden und auch stets auf der Suche nach einer Art von Glück, von der sie offenbar keine Vorstellung haben. Das einzige, was ihnen darüberhinaus als Band bleibt ist Suff, Lust und Fressen.
Eine solche Gemeinschaft braucht einen, zu dem hinaufgeschaut werden
kann, wie zur Krone einer Mauer, an dem man sich reiben kann, der
zugleich einen Schutz darstellt, als auch die Ablehnung in sich trägt.
Einen den man lieben und verachten kann. Der bedrohlich auf die eigene
Idylle wirkt und sie zu gleich aus dem Grau des Daseins ins Bunte hebt.
Der, den man sich dazu hernimmt, ist Platonow: Lehrer, verarmter
Adliger, Frauenheld, Macho und Weichei. Eine ambivalente, aber nie
oberflächliche Persönlichkeit, die um die eigene Unzulänglichkeit weiß,
ihr aber nichts entgegensetzen kann, weil der Wille dazu fehlt. Den
Platonow spielt grandios und ohne jeglichen Fehler in der Darstellung
oder der Art des Sprechens Marco Glombik.
Natürlich ist Platonow ein Frauenheld. Er ist es jedoch auf eine ganz
eigene Art. Er ist seinen Liebschaften ausgeliefert und sieht das Ende
voraus. Über allen Lieben hängt Tristess. Um diese Figur baut Andreas
Neu eine Verstrickung von Schuld auf, die konzentriert und niemals
überzogen ist. Er will nichts lehren, er hebt keine Zeigefinger, er
schildert einen Ablauf, der von den Figuren nur durchbrochen werden
könnte, wenn sie sich aus ihren Zwangsrollen lösen würden. Aber es ist
offensichtlich, dass sie es nicht können.
Glombik, der Platonow ist, wie mir Neu sagte, kein Schauspieler, was
mich ganz ehrlich überrascht hat. Er ist Musiker. Leider weiß ich weder
welche Musik Glombik macht, noch ob sie in ihrer Qualität an die
Qualität seiner schauspielerischen Leistung heranreicht. Ich kann also
nicht beurteilen, ob es für die Musik ein Verlust wäre, wenn sich Marco
Glombik auf die Schauspielerei konzentrierte und die Musik nach
Notwendigkeit hinan stellte. Ich weiß aber, dass es ein Verlust für die
Bühne wäre, wenn er es nicht täte. Wenn einer ohne Ausbildung so
spielen und sprechen kann - wie sehr würde dann sein Spiel noch
gesteigert werden, würde er ausgebildet. Meiner Meinung nach muss der
Mann in eine Schauspielschule und dann auf die Bretter der großen
Bühnen Berlins. Im Ensemble des Gorki, der Schaubühne oder des
Deutschen Theaters könnte ich mir ihn gut vorstellen.
Der Antiheld des Stückes aber ist Ossip: Mörder, Räuber und doch als
Instanz des Kriminellen in der Gemeinschaft wohlgelitten. Ihn spielt,
ebenfalls ohne jeden Fehl und Tadel Sebastian Adler, der mich in seiner
Art zu spielen einwenig (ich hoffe beide verzeihen mir den Vergleich,
den Vergleiche gehören sich ja nicht) an den jungen Ben Becker. Obwohl
der Ossip keine Hauptrolle ist, versteht es Sebastian Adler die wenigen
Auftritte zu ganz eigenen Ereignissen zu gestalten. Falls auch
Sebastian Adler nicht auf eine Schaupielschule geht, sollte er den
Schritt in die Ausbildung bald möglichst nachholen.
Die, welche Neus Stück auf die Bühne stellen, gehören zum
Schauspiel-Grundlagenkurs des Winternachtstraum-Vereins. Der Kurs wird,
wenn ich richtig informiert bin, von Micheal Gitter geleitet, der auch
die Regie führte. Seine Arbeit, das hat die Aufführung deutlich
gezeigt, braucht sich nicht zu verstecken: Die da unter seiner Regie
auf der Bühne agierten hatten mit Laientheater nichts zu tun.
Das Stück läuft noch am 7., 8., 9., 10., 14., 15., 16. und 17. Mai und
dann vom 5. bis zum 7. Juni, jeweils um 20 Uhr im Theater Mitte,
Koppenplatz 12 (Nähe Rosenthaler Platz)


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