Das fragmentarische Drama "Woyzeck" - Büchner hat es nicht fertigstellen können - ist ganz ohne Frage eines der wichtigsten Stücke des Theaters. Seine Dichte bezieht es aus dem Druckkessel, in dem die Figuren agieren. Woyzeck, der zwei reale Vorbilder hat, einen freigesprochenen Soldaten, der mit dem Säbel seinen Vorgesetzten 1820 angriff und einen hingerichteten Mörder, der seine Frau in Eifersucht erstach, ist die Beschäftigung mit dem Irrsinn, dem Menschen in eben diesem Druckkessel der Verhältnisse verfallen können.
Es gibt viele Möglichkeiten ein Drama wie es Woyzeck ist zu inszenieren. Man kann es durchgängig auf Bücherns poetische Sätze konzentriert tun, und man kann es so inszenieren, wie es Tilmann Köhler getan hat. Er hat es zerhackt, zerlegt und eingekocht.
Aber er hat das Wesentliche
bewahrt: Die Gefangenheit aller Beteiligten in den Verhältnissen, den
den kleinen Netzen der Macht (Faucoult). Das jedoch ist nur deshalb das
Wesentliche, weil Büchner über die gesellschaftliche Kritik ein Drama
der betroffenen Individuen gelegt hat. Den was da so faucoult'sch daher
kommt, hat das weniger Wesentliche, aber nicht Unwichtige, vergessen:
Die gesellschaftlichen Mechanismen. Das ist der einzige Vorwurf den man
Köhler machen kann: Er hat den Subtext nicht auf die Bühne gebracht.
Ich empfinde die Individualisierung als Verlust. Allerdings empfinde
ich die Art der Inszenierung als Gewinn. Sie hat nichts Historisches,
sie ist aktuell, weil sie jeden Bezug zur Vergangenheit vermeidet. Und
auch das ist ja dem Stück immanent: Die leider immer noch währende
Gegenwärtigkeit.
Woyzeck also tötet seine Geliebte. Er tötet sie nur ganz vordergründig
aus Eifersucht. Ganz eigentlich aber erfolgt der Mord als Resultat
einer Kette von Demütigungen, die ihm zu teil wurden. In der
köhlerschen Inszenierung tötet er allerdings nicht mit der Klinge,
sondern mit dem Wort und der Tot der Frau wird symbolisiert durch den
fallenden Vorhang, der den lebenden Woyzeck von der toten Frau trennt,
die im Vorderung bleibt. Der Tot als sichtbares Resultat des
gedemütigten Lebens.
Diese Demütigung wird auch durch das Bühnenbild vermittelt: Das
Publikum und die Schauspieler sind in einem großen Käfig eingzäunt. Im
Viereck des Zauns stehen Käfige, die als verteilte Bühnen dienen.
Woyzeck, Marie, Hauptmann und Major, ja alle Akteure mischen sich unter
das Publikum. Woyzeck ist unter uns.
Und kraftvoll, nicht nur im sportlichen Sinne, agieren die
Schauspieler. Michael Klammer, der Woyzeck agiert authentisch und auch
Julischka Eichel, die über ein außerordentliches Talent und über ein
hohes Können verfügt, spielt so, wie es sich für diese Inszenierung
gehört. Die anderen stehen ihnen in keinem Moment nach. Was die
Schauspieler darbieten ist großes Theater. Auch das Bühnenbild von
Karoly Risz überzeugt. Lediglich die Musik erscheint mir an manchen
Stellen ein sinnloses Dasein zu fristen. Da wäre weniger vermutlich
mehr gewesen.
Nichts anfangen wird mit dem Stück der können, der Woyzeck nicht kennt,
aber eben Büchnersche Stück in aller Klarheit sehen will. Die Klarheit
versagt Tilmann Köhler. Er hat das Fragment neu komponiert. Wer jedoch
hervorragendes Theater sehen will, bekommt ein Drama von hoher Dichte,
inszenatorischer Brillanz und gutem Spiel.
Nachtrag: Mich erinnert die Art der Aufführung an die Interpretation von "Greensleeves" durch John Coltrane


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