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Eine gewisse Tendenz im deutschen Film

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Eine gewisse Tendenz im deutschen Film
Filmform und Filmförderung
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Hagen_Myller1Ein Essay in zwei Teilen zur Situation des deutschen Films von Hagen Myller

Ein Film, der nicht gesehen wird, existiert nicht. Man mag einwenden, er existiere immerhin in Form eines 35 oder 16 mm Filmstreifens, oder als Videoband, analog oder digital, vielleicht auch als DVD oder Blu-ray Disc, oder auch nur als Datei auf einer Festplatte, also er existiere immerhin in seiner materiellen Form, sozusagen als möglicher Film mit der Potenz gesehen zu werden, irgendwann einmal. Aber diese an sich nahe liegende Auffassung teilt noch nicht einmal der Gesetzgeber. Ausgerechnet die Finanzverwaltung sieht von der materiellen Grundlage des Films vollkommen ab. Sie betrachtet Film, unabhängig von seiner Qualität, als immaterielles Gut. Sie betrachtet ihn also als geistiges Gut. Das hängt nicht mit der geistigen Leistung seiner Macher zusammen, deren Werke manchmal die nötige Schöpfungshöhe vermissen lassen. Es hängt damit zusammen, dass der Film keinen Wert an sich besitzt, sondern, wie viele Güter, nur den Wert, den man ihm zuschreibt. Anders als bei anderen Gütern ist diese Zuschreibung eines Wertes allerdings nicht an seinen Tauschwert gebunden. Wenn man aus dem Kino kommt, nimmt man nichts mit, was man tauschen könnte. Die Zuschreibung eines Wertes hängt an der Kinokasse allein vom Zuspruch ab, die ein Werk erhält, also davon, ob ein Film gefällt, ob er gesehen wird oder nicht. Jeder Produzent kann ein Lied davon singen. Und dieser Zuspruch wiederum setzt ein Verstehen des Werkes in der einen oder anderen Form voraus. Tatsächlich existiert der Film nur im Kopf des Zuschauers. Erst der Zuschauer erkennt die Bedeutung der Bilder und Töne und versteht ihren Sinn. Ein Film braucht den Zuschauer, damit er ein Film ist. Ein Film, der nicht gesehen wird, existiert nicht.

Von diesen nicht existierenden Filmen gibt es in Deutschland mehr als man gemeinhin glaubt, und wie bei allen Dingen, die nicht existieren, ist auch hier die Datenlage etwas unscharf, denn die Filmförderungsanstalt in Berlin (FFA) hört nach den 100 meistgesehenen Filmen pro Jahr auf zu zählen. Aus den übrigen Angaben der FFA und der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) ergibt sich jedoch folgendes Bild: 2008 wurden in Deutschland 185 Langfilme, d.h. Filme, die eine Mindestlänge von 79 Minuten haben, zur Erstaufführung ins Kino gebracht. Davon waren ein knappes Drittel, genauer gesagt 60 Filme, Dokumentarfilme. Lässt man die Dokumentarfilme außer Betracht, da sie unter anderen Produktionsbedingungen zustande kommen, verbleiben 125 Kinospielfilme.

Von diesen 125 Spielfilmen, hatten 25 bis zu ca. zehntausend Zuschauer. Wenn die Statistik von bis zu zehntausend Zuschauern spricht, dann meint sie zehntausend bis null. Wo hier der Durchschnitt liegt, ist schwer zu sagen, aber wahrscheinlich tendiert er eher gegen null als gegen zehntausend, da es genügend Filme gibt, die nur ein paar Hundert Zuschauer erreichen. Jede Premiere an einem renommierten Stadttheater zieht an einem Abend mehr Zuschauer, als diese Filme im Laufe ihrer gesamten Auswertung in ganz Deutschland.

Weitere 24 Filme hatten vergangenes Jahr bis zu fünfundzwanzigtausend Zuschauer. Auch für diese wie für die folgenden Kategorien gilt, dass sich die Zuschauerzahlen eher unterhalb des Mittelwertes als oberhalb von ihm befinden, dass also die meisten Filme der jeweiligen Kategorie weit weniger Zuschauer hatten, als die Formulierung 'bis zu' vermuten lässt.

In der Kategorie bis fünfzigtausend Zuschauer reüssierten 26 Filme und weitere 26 in der Kategorie bis zweihunderttausend Zuschauer. Weitere 8 Filme erreichten fünfhunderttausend Zuschauer, 5 Filme bis zu einer Million und 11 Filme lockten schließlich mehr als eine Million Zuschauer ins Kino.

Eine Million Zuschauer ist die Schallmauer im deutschen Film. Die Statistik der FFA über die erfolgreichsten deutschen Filme zählt nur Filme, die über eine Million Zuschauer erreicht haben. Insgesamt sahen im Jahr 2008 33,9 Millionen Zuschauer 125 deutsche Spielfilme. Hier noch einmal die Zahlen im Überblick:

Spielfilme 2008: 125 davon

bis 10 Tsd. Zusch.: 25

bis 25 Tsd. Zusch.: 24

bis 50 Tsd. Zusch.: 26

bis 200 Tsd. Zusch.: 26

bis 500 Tsd. Zusch.: 8

bis 1 Mio. Zusch.: 5

ü. 1 Mio. Zusch.: 11

In der Spitze sehen diese Zahlen eigentlich ganz anständig aus, weshalb Staatsminister Bernd Neumann, der sich nicht nur mit der Einführung des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) um den deutschen Film verdient gemacht hat und sich deswegen in der Branche zu Recht großer Beliebtheit erfreut, dass er also mit Stolz hervorhob, dass der deutsche Film 2008 seinen Marktanteil auf 26,6 Prozent steigern konnte. Sogar der amerikanischen Fachzeitschrift 'Variety' war das während der letzten Berlinale einen Aufmacher wert, vermutlich aber aus anderen Gründen und eher als Warnung an die Hollywood Major Studios zu verstehen, für die Deutschland einer der größten Absatzmärkte im Ausland ist. Doch die Amerikaner müssen sich keine Sorgen machen, und werden es wohl auch nicht, denn der Steigerung des deutschen Marktanteils am Gesamtkinobesuch um gut 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr 2007, ging ein Verlust um 25 Prozent vom Jahr 2006 auf 2007 voraus. Tatsächlich pendelt der deutsche Marktanteil seit sechs Jahren zwischen 17,1 und 26,6 Prozent, oder gemittelt für die Spitzen- und Tiefstwerte in dieser Zeit zwischen 17,8 und 25,4 Prozent. Vorher lag er teilweise weit darunter.

Zusätzlich verzerrt wird die Statistik dadurch, dass die FFA so genannte Ausreißer, d.h. Filme, die einen nicht zu erwartend hohen Zuschauerzuspruch hatten, nicht aus der Statistik herausrechnet, während sie internationale Koproduktionen mit nur minoritärer deutscher Beteiligung als deutsche Produktionen hineinrechnet. So wurden 2008 die englische Produktion "Earth" ("Unsere Erde"), die mit 3,77 Millionen Zuschauern auf Platz 2 im Ranking der besten 100 deutschen Filme steht, sowie die französische Produktion "Astérix aux jeux olympiques" ("Asterix bei den Olympischen Spielen") mit 1,56 Millionen Zuschauern (Rang 6) als deutsche Produktionen gewertet. Allein diese beiden Filme erreichten 16 Prozent des Publikums, das 'deutsche' Filme sah, und erwirtschaftete 4 Prozent innerhalb des deutschen Marktanteils. Für das erste Halbjahr 2009 firmieren in der aktuellen Statistik der FFA die amerikanischen Produktionen "The Reader" ("Der Vorleser") und der Tom Cruise Film "Valkyrie" ("Operation Walküre") als deutsche Filme, und für das zweite Halbjahr wird wohl Quentin Tarantinos letztes Werk, das in Babelsberg gedreht wurde, auch noch hinzu kommen. "Valkyrie" und "Inglourious Basterds" als deutsche Filme zu bezeichnen, macht ungefähr genauso viel Sinn, wie einen Mercedes, der in Alabama, USA, vom Band rollt, ein amerikanisches Auto zu nennen. Diese Form der Augenwischerei ist schon nicht mehr fahrlässig, sie ist gefährlich, denn sie verstellt den Blick auf die tatsächliche Situation des deutschen Films.

Denn von den 125 Spielfilmen erwirtschafteten die 11 so genannten Zuschauermillionäre (einschließlich der ausländischen Koproduktionen) insgesamt zwei Drittel oder 66,5 Prozent des Umsatzes an den Kinokassen. Zählt man die Filme über fünfhunderttausend Zuschauer dazu, erzielten diese 16 Filme 77,6 Prozent der Einnahmen, und schließt man die Filme über zweihunderttausend Zuschauer noch mit in die Rechnung ein, so bringen es diese insgesamt 24 Filme auf ungefähr 85 Prozent des gesamten Umsatzes. Auch im deutschen Film gilt offensichtlich das Paretoprinzip, bekannt als die 80-20-Regel: Knapp 20 Prozent der Filme generieren stark 80 Prozent des Zuschaueraufkommens. Umgekehrt ausgedrückt: Die restlichen 101 Spielfilme stritten sich vergangenes Jahr um die Gunst der verbleibenden ca. 5 Millionen Zuschauer, die deutsche Filme sahen. Noch einmal zum Vergleich: 2008 gingen insgesamt 129,4 Millionen Besucher in deutsche Kinos, und davon 95,5 Millionen in ausländische, vorwiegend amerikanische Filme. So viel zum Erfolg des deutschen Films.

Doch leider ist das nicht das Ende der schlechten Nachrichten. Das Wort von den 11 Zuschauermillionären suggeriert, dass immerhin ein Teil der deutschen Filme erfolgreich war, und unter erfolgreich versteht man immer auch finanziell erfolgreich. Aber die deutsche Filmszene ist bescheiden geworden und versteht unter erfolgreich auch Filme, die wenigstens einen gewissen Zuschauerzuspruch erfahren haben, unabhängig vom finanziellen Erfolg. Denn tatsächlich erreichen, abhängig von jährlichen Schwankungen, nur ca. 2 - 3 Prozent aller deutschen Produktionen den so genannten Break Even, d.h. den Punkt, an dem die Herstellungskosten durch die Einnahmen gedeckt sind. Auf das Jahr 2008 hochgerechnet wären das 3 vielleicht 4 Produktionen - von 125. Mit anderen Worten: Der Rest der deutschen Filme ist für die Produzenten rechnerisch ein finanzieller Verlust. Die Produzenten müssten Insolvenz anmelden, gäbe es nicht die deutsche Filmförderung.

 

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