Eine gewisse Tendenz

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Wenn der Sommer ...

waderKonstantin Wecker und Hannes Wader in der Zitadelle Spandau

Es war, dies gleich vorweg, ein guter Auftritt der beiden Sänger. Aber es war zugleich ein Auftritt, dem ein Mangel innewohnte, der jedoch beileibe nicht nur diese beiden Musiker betrifft. Ein eklatanter Mangel, der nur deshalb die Leistung nicht schmälert, weil er mir allgemein zu sein scheint.

Während meine schöne Begleiterin schon immer mehr weckerte, bin ich seit Jahrzehnten ein Waderer. Wir liefen also ausgeglichen auf und hatten summiert keinen Favoriten. Die beiden, unterstützt von einer phantastischen Band und luschigen Leuten für die Akustik, welche sehr zu wünschen übrig ließ, taten mehr als nur ein Standardprogramm herunter zu spulen. Allerdings brauchte es dazu die zweite Halbzeit und die Zugabe. Legen wir also die Zeit vor der Pause unter "Warmlaufen" ab.

Es waren die bekannten Stücke dabei, z.B. Waders "Heute hier, morgen dort", Weckers "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", aber auch Mamita Mia und Bella Ciao. Und natürlich "Sage nein". Es gab keine unerwarteten Überraschungen und das war im Großen und Ganzen auch gut so. Und jene die man erwarten konnte, das eine oder andere kleine Stückchen Personality (z.B. Hannes Wader mit dem Fiaker-Lied oder beide zusammen - Wecker auf Bayrisch - mit "Dat du mien Leevste büst"), passten sich ein in einen familiären Abend.

Da aber liegt das Problem, wie gesagt nicht nur bei ihnen: Es ist alles nur noch Bericht, zu einem erheblichen Teil Reminiszenz. Nostalgie ist es, Rückbesinnung - auch auf gewesene Kämpfe, an Tage unter Pflaumenbäumen, lange Haare, lange Röcke und Halbe Liter in verräucherten Kneipen der Siebziger. Aber das reicht natürlich nicht.

weckerWir brauchen, von Wecker und Wader und von all denen die noch oder erst jetzt auf die Bühnen gehen, Lieder die sich fernab von billig gemachtem, schlecht gereimten und zwanghaft zusammengeschludertem Agitprop mit der gegenwärtigen Situation des gewalttätigen Kapitalismus im 21. Jahrhundert beschäftigen. Wir brauchen Lieder über die Armut der Hartz-IV-Opfer, die sich der dichterischen Kraft näheren, mit der von jenen Dichtern, die wir noch heute lesen über die Armut zu anderen Zeiten berichtet worden ist. Wir brauchen Lieder über die Piraten vor Somalia, diese ehemaligen Fischer, die nichts mehr aus dem Meer holen können und sich jetzt den Fang auf dem Meer sichern müssen. Wir brauchen Lieder über Afghanistan und den Kosovo, über, denn man muss ja nicht nur über Leid singen, wenn es auch Siege in Schlachten zu verzeichnen gibt, die Bolivarianische Revolution in Venezuela, über den bislang siegreichen Widerstand Cubas, über Bildungskämpfe und Streiks. Aber wir haben das nicht. Jedenfalls nicht auf dem Niveau, welches nötig wäre, um über die Zeiten Bestand zu haben.

Insofern haben wir also ein gutes Konzert gehört und gesehen - eines was besser nicht sein konnte, weil die Grundlage fehlte. Aber was nicht ist, dass wird hoffentlich werden. Nicht nur in Liedern, sondern auch in Lyrik und Prosa.

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