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Eine gewisse Tendenz

Eine gewisse Tendenz als vollständiges PDF in einem Stück.
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MAI
22

22.05.2013 19:30 - 22:30
Heinrich von der Haar liest in Rathenow

MAI
24

24.05.2013 20:00 - 23:00
Dominik Plangger @ Kostbar Thomsdorf

MAI
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25.05.2013 20:00 - 23:00
Dominik Plangger @ 11-line Potsdam

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27.05.2013 19:45 - 22:45
Autorenlesung Michael Kuss "Pariser Mai 68"

MAI
30

30.05.2013
3. PARADIESVOGELFEST

JUN
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08.06.2013 18:00 - 21:00
Wölfe mitten im Mai. Ein Degenhardt-Abend.

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Einsame Menschen

einsame menschen 0721Das Landhaus am Müggelsee ist eine Wohnung im Prenzlauer Berg

Mutig hat Friederike Heller Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“ auf die Bühne der Schaubühne gebracht. Man mag, wie ich fälschlicher Weise anlässlich einer Inszenierung von Hedda Gabler am Hamburger Thalia vor Jahren, meinen, der Stoff könne nicht in die Gegenwart hineininszeniert werden. Die Ablehnung allerdings entspringt dann einer ganz falschen Sicht auf die Wandlungen unserer Zeit.

Es geht – und deshalb passt das Stück ganz ausgezeichnet – um den ewigen Kampf der Kleinfamilie gegen die von ihr erst geschaffenen Probleme: Um Einsamkeit also, um den Verlust der eigenen Identität, um Zuschreibungen von Funktionen (und ihre Übernahme als zweite Haut).

Gerhart Hauptmann hat das Stück in einer Villa am Müggelsee angesiedelt. Johannes Vockerat (Tilmann Strauß) ist jungverheiratet mit Käthe (Eva Meckbach). Sie sind gerade Eltern geworden. Zur Taufe ist Johannes Mutter (Ernst Stötzner) angereist. Der Maler Braun (Christoph Gawenda), Freund Johannes und mit einer Art biologisch abbaubaren Antibürgerlichkeit umgeben, die ihn ganz bürgerlich macht, erhält Besuch von der jungen russischen Intellektuellen Anna (Jule Böwe). In ihr findet Johannes, was er in seiner Frau nicht finden kann: Die ebenbürtige Gesprächspartnerin.

Das Stück ist eine bis in den tiefen Schmerz gehende Darstellung von Einsamkeit in ausbruchssicheren Zweierbeziehungen, wie auch eine Bestandsaufnahme von bürgerlicher Funktionen, die in der Inszenierung von Heller durchaus zeitgemäß wirken.

Die ewig von Gott schwadonierende Mutter, die ein ruhiges, zivilisiertes und zu ihrer Klasse passendes Familienleben einfordert, dabei immer mit der widerlichen Attitüde der Schwäche angreift, ist keine Gestalt aus vergangenen Tagen. Oder wie will man sich sonst die hundertausende Besucher von Papstvisiten und evangelischen Kirchentagen erklären; wie die ansteigenden Zahlen von Kirchgängern; wie die Tea-Party in den USA?

Käthe, die Ehefrau, die sich in die Rolle schickt, wie in ein stilles Glück, die nicht merkt, wie sie in dieser Rolle verkommt und vom Leben fortkommt, die also für die Arterhaltung agiert und für die Konvention bürgerlichen Lebens, und die dabei – letztlich durch dessen Selbstmord – ihren Mann verliert und mit ihm – das ist der schwerere Verlust für sie – ihre gesellschaftliche Kampfeinheit.

Und dagegen der Johannes, der Schwadroneur, der verkannte Philosoph, der mit seiner Arbeit nicht nur nicht weiterkommt, sondern auch bei seiner Frau weder Anerkennung noch Rückkopplung findet; auch deshalb nicht, weil er sie nicht zu achten vermag, weil er sie sogar über ihre angenommene Rolle hinaus missachtet, weil er sie nicht als ebenbürtig betrachtet. Gegen die perfide Häuslichkeit von Mutter und Ehefrau also diese Art von gewalttätiger intellektueller Schimäre, von Egoismus. Und das alles dann gekettet an Haus und Frau und Kind.

Das ist doch nicht ein Stoff von gestern! Man sich Käthe gut beim Latte Macchiato in einem Café im Prenzlauer Berg vorstellen, mit Kinderwagen und Sagrotanspray, mit der Vogue neben dem Kaffee – oder wenn's grad' Montag wär: mit dem Spiegel –. Mit einem I-Pad neben dem Eierkocher in der heimischen Küche. Während der Ehemann im Arbeitszimmer vor sich hin schreibt, bis der Künstler aus dem ersten Stock die junge Studentin anschleppt, die den Kopf noch voll hat von Foucault und Popper. Dreißigjähre Pärchen … Rainald Grebe. Wo ist denn da der Unterschied?

Ein zeitgemäßes Stück also, hat Friederike Heller inszeniert. Eines, dass die Reconquista der Gesellschaft durch die neue Bürgerlichkeit durchaus gut beschreibt.

Ein solches Stück braucht eine Bühne, auf der es sich ausbreiten kann. Sabine Kohlstedt hat so eine Bühne geschaffen: Ein sich drehendes Viereck, das sich in einem Bühnensee um die eigene Achse bewegt und dabei hübsch prenzlauisch gekachelt daher kommt.

Grandios auch die Leistung der Schauspieler, von denen ich niemanden besonders hervor heben möchte. Zu sehr ist dieses Stück abhängig von gleichmäßiger hoher Qualität.

Unbedingt sehenswert. (Link Schaubühne)

Foto: Ernst Stötzner, Jule Böwe, Christoph Gawenda, Tilman Strauß, Eva Meckbach; Foto: Katrin Ribbe

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