Der Faschismus als Klamotte
„Jeder stirbt für sich allein“, gilt als einer der bedeutenden Romane über den deutschen Faschismus. Hans Fallada, der große bürgerliche, antifaschistische Schriftsteller, hat ganz eigentlich einen abrisssicheren Stoff verfasst. Primo Levi schrieb über den Roman, er sei das beste Buch, das je über den Widerstand gegen den Faschismus geschrieben worden sei.
Indes – man kriegt kaputt, was man kaputt kriegen will. Zur Not mit Gewalt. Und Jorinde Dröse, der Hausregisseurin des Gorki-Theaters, ist es gelungen, den vielschichtigen, unzweideutigen Roman zu einer Art von kleinbürgerlichem Schwank zu verwässern. Zwischen Schenkelklopfern – etwa wenn der wirklich wunderbar spielende Michael Klammer eine Travestie-Nummer bei der Darstellung der Obersturmbannführersgattin Gerich hinlegen muss und einem Tränchen im Knopfloch wenn es an die Verhaftung des Ehepaares geht. Da gleicht dann - überforderungsfrei - die ganze Verhaftung einer Verkehrskontrolle bundesdeutschen Zuschnitts.
Das ist Antifaschismus light. So leicht, dass er ganz nebelig wirkt.
Es geht in dem – nach einer wahren Begebenheit geschriebenen – Stück um den Widerstand des Ehepaars Quangel, das nach dem Kriegstod des einzigen Sohnes, Postkarten gegen die faschistische Diktatur, gegen Hitler zu schreiben beschließt und die dann in Berlin verteilt. Sie werden denunziert und verhaftet. Um diese Ereignisse herum malt Fallada ein Sittengemälde des Faschismus, feinfühlig, den Einzelnen betrachtend, die Veränderungen sowohl im Verhalten, wie den Verhältnissen wahrnehmend. Das Buch wird von vielen als sein größter Roman angesehen.
Nichts von alledem bleibt im Gorki Theater. Da wird eine Sorte von Regienarzissmus hingelegt, dass es keine Art mehr hat. Da wird der Druck, das Leid, die Angst, der Tod der Figuren zu Bausteinen einer Naziklamotte. Da wird das Henkersbeil zum Karnevalsartikel.
Ich mag mich auf dem Holzweg befinden, wenn ich meine, nicht Überforderung durch den Stoff sei Schuld an der miserablen Umsetzung des Romans für die Bühne, sondern es stecke eine Absicht dahinter. Aber ich bin gleichwohl davon überzeugt, dass es das Ziel solcher Inszenierungen ist, zu versuchen, den deutschen Faschismus zu einer Art von verstorbener Vergangenheit zu machen, die er allerdings weder aufgrund der Geschichte der Bundesrepublik, noch aufgrund der gegenwärtigen politischen Lage nicht ist. Da soll Bergen-Belsen auf die historische Aktualität der Plünderung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg geschoben werden. Das mag nicht das objektive Wollen von Jorinde Dröse gewesen sein – aber es ist die allgemeine Tendenz, der die Regisseurin im Zweifel erlegen ist.
Dass der Abend nicht vollends im Fiasko endet, ist den Akteuren auf der Bühne geschuldet. Sie spielen mit Bravour und verleihen den blassen, zerfaserten Rollen mehr Leben, als man angesichts des Wurfs der Regie erwarten durfte. Ihnen gilt mein Dank dafür, groß in einem kleinen Stück gespielt zu haben.


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