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Eine gewisse Tendenz

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Beziehung statt Neurose

Die Dekonstruktion der Ur-Beziehung in Tanja Wittes Roman beziehungsweise-liebe

Eine Konstellation, wie man sie sonst eher in einer der hippen US-Serien vermuten würde, findet sich in Berlin-Neukölln, einem Ort, dem mancher Charlottenburger sich der Sage nach nicht einmal mit der Untergrundbahn nähert.

Die Charaktere von Tanja Witte, die durch verschiedene Facetten (zwischen)menschlicher Beziehungen miteinander verbunden sind, kommen deshalb so authentisch-utopisch daher, weil sie, zumindest innerhalb queerer Lebenszusammenhänge, vertrauten Mustern entsprechen, und diese, einem queer-feministischen Ideal entsprechend, im richtigen Moment mit einer kleinen oder großen Überraschung durchbrechen. Überraschung ist schließlich nichts anderes als Unvorhergesehenes, das, was das menschliche Leben ausmacht, möchte man da sagen. Oft besteht dieses Leben aber, das lässt sich bei ehrlicher Reflektion nicht leugnen, in neurotischen Wiederholungen einer, oder der einen, ersten Beziehung.

Eine realistische Utopie also, nach dem Motto Du kannst alles gewinnen, wenn du nur verlieren kannst: Eine von zwei (weiblichen) Geliebten will ein Kind und bekommt es auch – von einem Freund, der keine Beziehung und ( nein, kein aber) ein Kind will –, während die Partnerin mit einer Anderen ins Bett geht, die sie eigentlich nicht besonders mag und deshalb umso besser demütigen und schlagen kann, wie sie behauptet. Das ist wohl die einer tränenseligen Vorstellung am wenigsten ähnliche Spielart von Liebe, die Tanja Witte in ihrem Erstling beschreibt.

Als allerdings eben diese Spielgefährtin, die ohnehin allen Protagonist_innen aufgrund ihrer Karierre- und Drogensucht unsympathisch ist, im Vollrausch auf die von ihr als Konkurrentin erlebte werdende Mutter losprügelt, ist es vorbei mit der Liebe für sie, woraus sich durchaus eine politische Aussage konstruieren lässt. Sei es die vom Verzicht auf Geld und Konsum oder die von der Pluralität selbst lesbischer Identitäten.

Noch über den möglichen Aussagen dieser gelungenen Erzählung steht jedoch eine wichtige Frage, die Judith Butler schon stellt: Welches Leben hier lebenswert(er) und welches betrauernswert ist. Polyamouröse Beziehungen und ihre Dramen, ihr scheinbar gewaltiges Auf und Ab, ihr Hin und Her stehen einer Harmonie geschwängerten Zweieinigkeit gegenüber. Das des angeblich Glücklichen, angeblich Beziehungslosen dem der von Statussymbolen besessenen „Mitte-Schlampe“. Und mittendrin Fräulein Rottemeier, die aus einem Streichelzoo gerettete Schildkröte. Ob sie das Geschehen ihrem für bürgerliche Bigotterie stehenden Namen nach äußerst argwöhnisch betrachtet oder durch die Einverleibung des bürgerlichen Klischees in eine queere Selbstdarstellung überführt hat, bleibt jedoch ihr Geheimnis.

Tanja Witte: Beziehungsweise Liebe, Roman

(erschienen 2011 im Querverlag Berlin)

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