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ver.di und Orchestervereinig
| Sam Aug 28 @22:00 - 11:59 "The Dirty Dozen" - roto retinal happening, Samstag, 28. August 2010, 22 Uhr, Schwelle 7, Berlin |
| Fre Sep 10 @20:30 - 10:00 Improvising from the Inside Out, Performance von STEVE CLORFEINE & Workshop-Teilnehmern, Freitag, 10 |
| Die Sep 21 @20:00 - Die Fünf Sektoren - Künstlertreffen |
Am Deutschen Theater in Berlin läuft zur Zeit die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bert Brecht. Ich habe immer Angst, in Brecht-Aufführungen zu gehen, denn Brecht ist mir wichtig; Museumstheater allerdings verabscheue ich. Und zu oft habe ich in den letzten Jahren einen antiquiert dargebotenen Brecht sehen müssen, einen, der durch Nostalgieinszenierungen auf die Ebene der Zwanziger-Jahre-Klamotten und der Klamotte gerückt worden ist.
Nichts davon in der Regiearbeit Nicolas Stemanns am Deutschen Theater. Diese „Heilige Johanna“ passt in die Zeit, weil sie zeitlos ist. Das Stück über Spekulanten, Diesseits und jenseitige Erlösungsversprechen passt auf das Jahr 2010 ebenso wie auf das Jahr 1931, als Brecht sein Stück schrieb.
Spekulant Mauler ist bei Stemann ein typischer Vertreter seiner Klasse: Brutal, hinterhältig, profitmaximierend auch über die Leichen der Arbeiter und zu gleich um ganz persönliche Zuneigung ringend, in einem Sinne „gut“ sein wollend, der die Geschäfte nicht stört. Der Konservenkönig zieht sich aus dem Geschäft zurück, die Arbeiter stehen auf der Straße. Dann wieder spekuliert er, kauft die Jahresproduktion an Fleischkonserven auf und zugleich das Vieh zur Produktion, um die produzierenden Fabriken in der Hand zu haben. Er kennt nicht Freund noch Feind. Und das ist wörtlich zu nehmen – er kennt den Profit. Zwischen ihm und aufständig werdenden Arbeitern geistert (welches andere Wort sollte passen) die Armee der christlichen Strohhüte. Zu ihnen gehört auch Johanna. Sie ist beseelt von warmen Suppen und dem Höheren. Und obwohl Johanna zum Ende des Stückes aus der christlichen Gemeinschaft der Status-Quo-Jünger geworfen wird, weil sie deren kapitalistische Geldgeber vergrault, bleibt sie doch – sie die nicht aus den Vorstädten kommt – im Grunde dem Almosenwesen verhaftet. Sie scheitert als revolutionäre Kleinbürgerin zwischen den Arbeitern, weil sie nicht einmal in der Lage, ist einen wichtigen, die Solidarität betreffenden Brief weiter zu geben.
Stemann reichen fünf Schauspieler. Und mehr braucht es nicht, um die Sache auf die Bühne zu stellen. Gleich am Anfang stehen Katharina Marie Schubert (die auch die Johanna spielt), Andreas Döhler, Felix Goeser und Matthias Neukirch mit Textbüchern in der Hand auf der Bühne. Jeder will Mauler, jeder will erfolgreicher Spekulant sein, aber nur, so lange der auch im Erfog schwimmt. Späterhin und immer wechselnd schieben sie sich die Rollen zu. Ein guter Griff, um die Austauschbarkeit von Figuren im kapitalistischen Betrieb darzustellen. Und die Handlungen der Figuren bleiben im Notwendigen. Da gibt es keine persönlichen Auswege, keine Möglichkeit „gut“ zu sein. Da bleibt – wie es die Wirklichkeit vormacht – nichts anderes, als die Funktion. Hier die Arbeiter, da die Kapitalisten. Ihre Verschlagenheit ist die Verschlagenheit der Profitmaximierung und kein persönlicher Makel. Keine mephistophane Folie wird über die Charaktermasken gelegt. Alles ist, wie es ist, nichts ist so, wie sich Klein Erna den Kapitalismus, ganz fälschlich, vorstellt.
Während der Aufführung, im zweiten Teil, lässt Stemann auf einer Leinwand mitzählen, wie viele Menschen an Hunger gestorben sind, während das Stück läuft. Bei 913 bleibt der Zähler stehen – aber alle wissen, ganz eigentlich läuft er weiter. Das mag das Einzige gewesen sein, was mir nicht gefiel an diesem Theaterabend: Das man sich mit dieser Projektion von Leid, wenn auch in nüchternen Zahlen, auf das Almosenniveau – es geht ja vordergründig um den Fleischhandel – herab ließ. Da war es: Das Schreckliche, das Unfassbare, das schrecklich Unfassbare. Es war eine nicht notwendige Überdramatisierung der ganzen Chose. Zum Glück blieb es bei diesem einen Male.
Stemann macht aus Brecht keine postmoderne Lamentationsklamotte – eine Befürchtung, die man angesichts anderer Inszenierungen, wie z.B. Maßnahme/Mauser an der Volksbühne ja durchaus haben darf. Die Postmoderne, also das philosphische Scheißhaus, in dem die weiche Masse produziert wird, welche diesem oder jenem Philosophen, Künstler und Schriftsteller als Gehirn dient, bleibt bei Stemann außen vor.
Seine „Johanna“ bleibt, transportiert in die Gegenwart, Brecht treu. Und so kommt der Satz „die Kommunisten haben Recht“ weder als Persiflage, noch ungewollt komisch oder unpassend herüber. Er ist schlichtweg Ergebnis des Stückes – auch in der stemann'schen Inszenierung. Gelungen!
Foto:Rufus46/wikipedia/CCL 2.0
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