Eine gewisse Tendenz

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Theater

Die Kommunisten haben Recht

brecht_ruhmeshalleDie Heilige Johanna der Schlachthöfe am Deutschen Theater

Am Deutschen Theater in Berlin läuft zur Zeit die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Bert Brecht. Ich habe immer Angst, in Brecht-Aufführungen zu gehen, denn Brecht ist mir wichtig; Museumstheater allerdings verabscheue ich. Und zu oft habe ich in den letzten Jahren einen antiquiert dargebotenen Brecht sehen müssen, einen, der durch Nostalgieinszenierungen auf die Ebene der Zwanziger-Jahre-Klamotten und der Klamotte gerückt worden ist.

Nichts davon in der Regiearbeit Nicolas Stemanns am Deutschen Theater. Diese „Heilige Johanna“ passt in die Zeit, weil sie zeitlos ist. Das Stück über Spekulanten, Diesseits und jenseitige Erlösungsversprechen passt auf das Jahr 2010 ebenso wie auf das Jahr 1931, als Brecht sein Stück schrieb.

Spekulant Mauler ist bei Stemann ein typischer Vertreter seiner Klasse: Brutal, hinterhältig, profitmaximierend auch über die Leichen der Arbeiter und zu gleich um ganz persönliche Zuneigung ringend, in einem Sinne „gut“ sein wollend, der die Geschäfte nicht stört. Der Konservenkönig zieht sich aus dem Geschäft zurück, die Arbeiter stehen auf der Straße. Dann wieder spekuliert er, kauft die Jahresproduktion an Fleischkonserven auf und zugleich das Vieh zur Produktion, um die produzierenden Fabriken in der Hand zu haben. Er kennt nicht Freund noch Feind. Und das ist wörtlich zu nehmen – er kennt den Profit. Zwischen ihm und aufständig werdenden Arbeitern geistert (welches andere Wort sollte passen) die Armee der christlichen Strohhüte. Zu ihnen gehört auch Johanna. Sie ist beseelt von warmen Suppen und dem Höheren. Und obwohl Johanna zum Ende des Stückes aus der christlichen Gemeinschaft der Status-Quo-Jünger geworfen wird, weil sie deren kapitalistische Geldgeber vergrault, bleibt sie doch – sie die nicht aus den Vorstädten kommt – im Grunde dem Almosenwesen verhaftet. Sie scheitert als revolutionäre Kleinbürgerin zwischen den Arbeitern, weil sie nicht einmal in der Lage, ist einen wichtigen, die Solidarität betreffenden Brief weiter zu geben.

Stemann reichen fünf Schauspieler. Und mehr braucht es nicht, um die Sache auf die Bühne zu stellen. Gleich am Anfang stehen Katharina Marie Schubert (die auch die Johanna spielt), Andreas Döhler, Felix Goeser und Matthias Neukirch mit Textbüchern in der Hand auf der Bühne. Jeder will Mauler, jeder will erfolgreicher Spekulant sein, aber nur, so lange der auch im Erfog schwimmt. Späterhin und immer wechselnd schieben sie sich die Rollen zu. Ein guter Griff, um die Austauschbarkeit von Figuren im kapitalistischen Betrieb darzustellen. Und die Handlungen der Figuren bleiben im Notwendigen. Da gibt es keine persönlichen Auswege, keine Möglichkeit „gut“ zu sein. Da bleibt – wie es die Wirklichkeit vormacht – nichts anderes, als die Funktion. Hier die Arbeiter, da die Kapitalisten. Ihre Verschlagenheit ist die Verschlagenheit der Profitmaximierung und kein persönlicher Makel. Keine mephistophane Folie wird über die Charaktermasken gelegt. Alles ist, wie es ist, nichts ist so, wie sich Klein Erna den Kapitalismus, ganz fälschlich, vorstellt.

Während der Aufführung, im zweiten Teil, lässt Stemann auf einer Leinwand mitzählen, wie viele Menschen an Hunger gestorben sind, während das Stück läuft. Bei 913 bleibt der Zähler stehen – aber alle wissen, ganz eigentlich läuft er weiter. Das mag das Einzige gewesen sein, was mir nicht gefiel an diesem Theaterabend: Das man sich mit dieser Projektion von Leid, wenn auch in nüchternen Zahlen, auf das Almosenniveau – es geht ja vordergründig um den Fleischhandel – herab ließ. Da war es: Das Schreckliche, das Unfassbare, das schrecklich Unfassbare. Es war eine nicht notwendige Überdramatisierung der ganzen Chose. Zum Glück blieb es bei diesem einen Male.

Stemann macht aus Brecht keine postmoderne Lamentationsklamotte – eine Befürchtung, die man angesichts anderer Inszenierungen, wie z.B. Maßnahme/Mauser an der Volksbühne ja durchaus haben darf. Die Postmoderne, also das philosphische Scheißhaus, in dem die weiche Masse produziert wird, welche diesem oder jenem Philosophen, Künstler und Schriftsteller als Gehirn dient, bleibt bei Stemann außen vor.

Seine „Johanna“ bleibt, transportiert in die Gegenwart, Brecht treu. Und so kommt der Satz „die Kommunisten haben Recht“ weder als Persiflage, noch ungewollt komisch oder unpassend herüber. Er ist schlichtweg Ergebnis des Stückes – auch in der stemann'schen Inszenierung. Gelungen!

Foto:Rufus46/wikipedia/CCL 2.0

Der Sprung in der Wahrnehmung

Talking_Heads_thumb307_„Talking Heads“ von Alan Bennett in der Vagantenbühne
Premiere am 28. November 2009
Aus der preisgekrönten Monolog-Serie „Talking Heads“ von Alan Bennett zeigen Anette Daughardt und Uwe Neumann die Episoden „Die Schreibtischtäterin“ und „Ein Sprung in der Tasse“ in der Vagantenbühne (Kantstraße 12, 10623 Berlin).
Bennett, der in jüngster Zeit mit dem Kurzroman „Die souveräne Leserin“ das deutsche Publikum amüsierte, stellt in „Talking Heads“ Menschen von nebenan dar, mit ihren kleinen Schwächen und großen Fehlern, ohne sie zu verurteilen. Mit britischem Humor nehmen uns die Charaktere zunächst für sich ein, entwickeln dann ihre Geschichte und verwirren oft in tragischer Komik.
„Die Schreibtischtäterin“ Irene sucht ihr kleines Glück als selbstherrliche Moraltante, indem sie über Sitte und Anstand in ihrer Nachbarschaft wacht und bei ungebührlichem Betragen ihrer Mitmenschen zum gespitzten Stift greift um Beschwerdebriefe zu schreiben. Sie zeigt Mängel auf, die sie mit detektivischer Freude findet und schießt dabei übers Ziel hinaus. Von nachbarschaftlichem Mitgefühl und Anteil nehmender Sorge steigert sie sich ins Denunziantentum und geht dafür ins Gefängnis. Dort findet sie endlich menschliche Nähe und fällt euphorisch über das Gefühl einer neuen Freiheit in unkritische Übertoleranz.

In „Ein Sprung in der Tasse“ kümmert sich Graham Whitaker, der nette, fürsorgliche Sohn mittleren Alters mit einer kleinen mentalen Historie, rührend um seine alte, gebrechliche und etwas vergessliche Mutter. Als ein Jugendfreund der Mutter auftaucht und ihr wieder den Hof macht, bricht seine Welt zusammen. Seine Weltanschauung, durchaus reflektiert, aber vor allem von seiner Mutter geteilt, wird von dem recht konservativen und rassistischen Eindringling in Frage gestellt, in der Familie lieb gewordene Rituale werden durchbrochen und Graham wird abserviert. Der Preis, um den er wieder in die Ersatz-Ehemannrolle schlüpfen darf, ist für Mutter und Sohn hoch.

Dem Zuschauer bleibt öfter das Lachen im Halse stecken, so duster ist die Prognose und zu widersprüchlich das scheinbar gefundene Glück.
Die beiden Akteure drücken facettenreich und vielseitig die vielen charakterlichen Metamorphosen aus. In diesem kleinen Theater bietet sich den Zuschauern die Gelegenheit, feinste mimische Nuancen und Gesten wahrzunehmen. Sie geraten oft selbst ins Zweifeln, so raffiniert nehmen ihn die beiden Darsteller mit in ihre Welt, bevor eine deutliche Übertreibung ein „Stop“ signalisiert.

In einer Zeit, in der keiner wegsehen sollte, wenn Unrecht geschieht, ist es durchaus angebracht, die Sinne dafür zu schärfen , wo Zivilcourage angebracht ist oder wo Gutmenschentum aufhört und Verleumdung anfängt.

Anhaltender Beifall.

Die nächsten Aufführungen sind am 25. und 26. Januar 2010, jeweils 20 Uhr.

Copyright des Fotos: cantcompany

Reiches Theater im Eigenreich

taghausDie Episoden des Lebens

Aus dem Eigenreich, welches ich nicht nur aufgrund des großen Gemütlichkeitsfaktors empfehlen kann, ist von einer ganz wunderbaren Aufführung zu berichten.

Ohne jeden intellektuellen Schnickschnack hat die aus Polen stammende und in Berlin lebende Regisseurin Elzbieta Badnarska ihre Theateradaption des Romans „Taghaus - Nachthaus" auf die Bühne gebracht. Der Roman der polnischen Autorin Olga Tokarczuk (für „Unrast" erhielt sie im vergangenen Jahr den Nike-Hauptpreis) ist ein Sequenzenstück, er spielt in einem kleinen polnischen Dorf und erzählt von jenen Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart, die an Ort und Mensch haften bleiben, gleichsam zu individuellen und geografischen Legenden werden und doch das jeweilige Jetzt bilden. Sie komponieren die Erinnerungen an Leiden, Lieben, Krieg und andere Boshaftigkeiten. Und sie tun es in einer starken Sprache.

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Zornig geboren / Gorki

thumb_berlin_maxim-gorki-theaterDer eigene Stillstand
 
Die Uraufführung ist eine Koproduktion des Maxim Gorki Theaters Berlin mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen - im Rahmen einer Autorenwerkstatt zum Thema „Rebellion und Melancholie“.
 
Darja Stockers Hauptfigur Sophie ist jung und nicht einverstanden mit dem Zustand der Welt. Sie will diese Welt verändern, nur wie, das weiß sie nicht.
 
Die Autorin interessiert Sophies Sinnsuche, die sich an den Ansichten ihres Vaters und derer ihrer Großmutter abarbeitet. Beide haben ihre Leichen im Keller – etwas was ihr noch vor ihr liegt – ist das Versagen erblich? Darja Stocker collagiert in ihrem Text die gegenseitige Durchdringung von Vergangenheit und Gegenwart. Sie versucht Bezüge zwischen der französischen Revolution, der modernen Privatisierung der Ängste und der Globalisierung herzustellen. Das ist ein schmerzvoller Prozess. Leider wird dem in der Inszenierung nur ansatzweise nachgegangen.

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"Gertrud" im Maxim Gorki Theater

Schleef geschleift

Einen Rückblick auf alle gängigen Theatersünden bereitet Armin Peters mit seiner Regie von Einar Schleefs Roman „Getrud", den Jens Groß und der Regisseur laut Programmheft für die Bühne ein-, meiner Meinung nach aber hingerichtet hat.

Ich kenne leider nicht die Bühnenfassung des Romans, die Einar Schleef selbst fertiggestellt hat. Wie sie auch sein mag, schlechter als das, was über die Bühne des Maxim Gorki Theaters ging, vermag ich sie mir nicht vorzustellen.

Im Stück geht es um den Lebensweg Schleefs Mutter. Die Grundidee der Peters-Groß-Fassung ist dabei keine schlechte: Sie holen mit vier Schauspielerinnen - großartig übrigens allesamt - die Mutter in vier Lebensaltern auf die Bühne. Durch Weimarer Republik, durch den deutschen Faschismus, durch die DDR in die Wirklichkeit der BRD entwickelt sich sowohl nacheinander, als auch zugleich ein Zwiegespräch der Frau mit sich selbst. Getragen von Rückerinnerungen, die immer als aktuelle Wirklichkeiten erscheinen, wird ein komplexes Bild der Person und der Zeiten gezeichnet.

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