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Eine gewisse Tendenz

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24

24.05.2013 20:00 - 23:00
Dominik Plangger @ Kostbar Thomsdorf

MAI
25

25.05.2013 20:00 - 23:00
Dominik Plangger @ 11-line Potsdam

MAI
27

27.05.2013 19:45 - 22:45
Autorenlesung Michael Kuss "Pariser Mai 68"

MAI
30

30.05.2013
3. PARADIESVOGELFEST

JUN
08

08.06.2013 18:00 - 21:00
Wölfe mitten im Mai. Ein Degenhardt-Abend.

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Sachbuch

Wilder Streik

 

Cover Pierburg-Buch-webDas ist Revolution

Im Jahre 1973 fand in der Automobilzulieferungsfirma Pierburg in Neuss ein Streik statt – einer der in vielen Hinsichten besonders war. Einerseits handelte es sich um einen erfolgreichen wilden Streik, andererseits war es auch ein Streik von ausländischen Arbeiterinnen, die bislang in der Forschung zu Streiks in der Bundesrepublik weitgehend marginalisiert wahrgenommen werden. Vor diesem Hintergrund ist die Beschäftigung mit jenem Streik auch aus heutiger Sicht noch sehr spannend – und in mancherlei Hinsicht sicherlich auch sehr lehrreich. Dieter Braeg, der damals als Mitglied des Betriebsrates in jenem Werk diesen Streik miterlebte, hat nun eine Reihe von zeitgenössischen Texten (einer literarischen Verarbeitung des Streiks, gewerkschaftlichen und sozialistischen Publikationen, Interviews) zusammengetragen und gemeinsam mit der damals entstandenen Dokumentation „Ihr Kampf ist unser Kampf“ publiziert. Eine Ausnahme bildet dabei lediglich der Beitrag der damaligen Jugendvertreterin Gabi Schemann, die ihn erst kurz vor Erscheinen des Buches verfasste.

Obwohl diese Zusammenstellung wie der Herausgeber selber selbstkritisch bemerkt, im damaligen gewerkschaftlichen und sozialistischen Jargon verfasst ist, bietet die Lektüre einige Anregungen. Es ist eine Dokumentation und ein Zeugnis der daran beteiligten. Auf wissenschaftliche Analysen dessen wird zu Gunsten des dokumentarischen Gehalts des Buches verzichtet.   

Erschienen ist jenes Buch beim Verlag „Die Buchmacherei“, der einer Berliner Medienwerkstatt angehört die sich auf soziale Kämpfe, konkrete Utopien und Lebenswege gegen den Strom spezialisiert hat.  Neben jenem Titel finden sich weitere zu Selbstorganisation und betrieblichen Arbeitskämpfen im Sortiment des Verlages.

Dieter Braeg (Hrsg.): Wilder Streik – Das ist Revolution. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973, Die Buchmacherei Berlin 2012,  175 S. + DVD, ISBN: 978-3-00-039904, Preis: 13,50 Euro

Die Ordnung des Raums

 

die ordnung des raumesDie Weite des Raums

15 Jahre nach der Veröffentlichung seiner gleichnamigen Diplomarbeit bei Edition Ergon hat Jürgen Mümken seine Arbeit grundlegend überarbeitet, zu einem Grossteil neu verfasst und beim Verlag Edition AV publiziert. Den Überlegungen zur Bedeutung des Raums in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts dem Philosophen Michel Foucaults und seines Landmanns, dem Stadtsoziologen Henri Lefévbre folgend untersucht Jürgen Mümken in vier Kapiteln jenes Konzept in Relation zur „Macht“ und Herrschaft (im Sinne von Ordnung, Kontrolle und Disziplinierung).

Der erste Teil von Mümkens Arbet widmet sich dem Verhältnis von „Macht und Raum“. Darin thematisiert er den Raum als historisches Projekt, um ihn anschliessend Foucault folgend im Zusammenhang mit Macht und Wissen zu analysieren – sowie mit einen Exkurs zu den Überlegungen von den beiden französischen Philosophen Deleuze und Guattari zu unternehmen.

Im Zuge des zweiten und dritten Kapitels behandelt er – ebenfalls auf Foucault referierend – behandelt er die Fragen und Zusammenhänge von „Disziplinierung, Regulierung und Normalisierung durch die Ordnung des Raums“ und von „Macht, Raum und Kontrolle“. Als Beispiele greift er dabei spannenderweise die Stadtentwicklung in Paris zwischen der Französischen Revolution und der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts heraus, anhand derer er den Zusammenhang von Macht und Raum sehr plastisch darstellt. Ebenso ist die Verbindung von Hygiene und Raum ein sehr spannender Aspekt, den er herausgreift und darstellt, eben sowie Fragen bezüglich Militarisierung des öffentlichen Raums. Hier hätte man sich manchmal mehr Mut zu eigenen Thesen gewünscht – statt der „reinen“ Wiedergabe bereits von anderen Autoren untersuchter Phänomene. Jene Abschnitte, die wir er selber im Vorwort schreibt, hat er fast unverändert aus seiner Diplomarbeit übernommen, was man ihnen passagenweise auch anmerkt. An manchen Stellen würde ich mir da gelegentlich mehr eigene Thesen wünschen.

Der letzte Teil wagt einen Ausblick und Übertragung dessen auf das spätestens seit den 70er Jahren verstärkt fokussierte Thema der „Umkämpften Räumen“, wie sie sich u.a. in der Form von Gentrifizierung und Protest gegen Gentrifizierung konstituieren. Hierin geht es ihm auch den von der „Macht“ produzierten Widerstand gegen selbige zu thematisieren.

Insgesamt hat er damit eine gut lesbare Darstellung des Themenkomplexes vorgelegt, die wie mir scheint auch gerade für Laien eignet, sich mit dem Themenkomplex Raum und Bedeutung von Raum in Bezug auf Macht- und Herrschaftsstrukturen zu beschäftigen sowie einen Einstieg in die Auseinandersetzung mit Foucaults Begriff der Macht ermöglicht.

 

Jürgen Mümken: Die Ordnung des Raums. Foucault, Bio-Macht, Kontrollgesellschaft und die Transformation des Raumes in der Moderne, Verlag Edition AV Lich 2012, ISBN: 9783868410709, 231 S., Preis: 16 Euro.

Freiwirtschaft und Rassenwahn

 

gesellEin wichtiger Beitrag zur Kapitalismuskritik

Anlässlich des 150. Geburtstages des zweifelhaften Ökonomen Silvio Gesell, dessen Ideen und Vorstellungen in Zeiten der zunehmenden ökonomischen Krise eine Renaissance erleben, hat der linke Journalist Peter Bierl seine über Jahre oder gar Jahrzehnte gesammelten Erkenntnisse über die Theorie Gesells und dessen rechter Anhängerschaft beim konkret Buchverlag publiziert. Nachdem er bereits mit „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister“ (1998) ein Standardwerk geschrieben hat, was sich mit rechten Tendenzen in der Philosophie Rudolph Steiners auseinandersetzte, könnte dieses Buch ein weiteres werden. In der Einleitung schreibt er: „Das vorliegende Buch will einen Beitrag zur Orientierung leisten, indem es sich mit Ideen auseinandersetzt, die seit 200 Jahren verbreitet sind, eine Marktwirtschaft ohne die negativen Seiten des Kapitalismus wäre möglich. Im Zentrum steht die Freiwirtschaftslehre des Kaufmanns Silvio Gesell (1862-1930). Diese Bewegung existiert seit mehr als hundert Jahren und hat, obwohl zahlenmässig klein, in verschiedene politische Spektren ausgestrahlt und die suggerieren und Bewegungen beeinflusst“ (15).

Faktenreich, wenn auch streckenweise nicht ganz wissenschaftlich sauber analysiert, erhärtet die Arbeit die seit Jahren / Jahrzehnten in der linken Szenen diskutierten Vorwürfe gegenüber dem Ökonomen. Er bezeichnet ihn darüber hinaus aus seinem marxistischen Background heraus als einen Vordenker des rücksichtslosen „Manchester Kapitalismus“ (101). Peter Bierl vertritt die These, dass es sich bei Gesell um einen frauenfeindlichen, rassistischen, antisemitischen und sozialdarwinistischen Denker handele, dessen Werk Anknüpfungspunkte für rechtes Gedankengut offeriert. Im Gegensatz zu den meisten Gesell-Gegnern hat er sich glücklicherweise die Arbeit gemacht, Gesell zu lesen und auch den von ihm erhobenen Antisemitismusvorwurf auszudifferenzieren. Er beweist auf der einen Seite profunde Kenntnisse über den Forschungsgegenstand, rutscht aber leider wiederholt in polemische Plattitüden, nicht belegte Vorwürfe und gar in von ihm bekämpfte Verschwörungstheorien. „Anfang 1924 kritisierte Gesell die Rentenmark und forderte eine „Indexmark“, ohne zu würdigen, dass Reichsregierung und Reichsbank die schwindelerregende Inflation gestoppt hatten. Da mochten Rechthaberei und Enttäuschung mitschwingen, denn Gesell und seine Anhänger glaubten bis Anfang 1924, sie könnten als Krisengewinnler die politische Macht übernehmen“ (105)

Zeitweilig hat man das Gefühl, dass Bierl dieses Buch nicht zur Aufklärung geschrieben hat, sondern auch die Chance versucht zu nutzen, um seine generelle Anarchistenschelte zu verteilen. Diese findet sich vor allem in dem Kapitel über die frühsozialistischen Vorläufer Gesells wieder – und ist leider in manchen Hinsichten methodisch symptomatisch für seine Schwachstellen. So verweist er auf den „Cercle Proudhon“, aus dem die Action Française entstanden ist, um die Anknüpfungspunkte von Proudhon für rechtsextreme Bewegungen zu belegen – ohne zu hinterfragen, inwieweit diese Adoption auf einer Fehlinterpretation Proudhons beruhte. An manchen Stellen scheint bei ihm die Ideologie die wissenschaftliche Erkenntnis zu überblenden. So unterstellt er an einer Stelle, dass es Friedrich Nietzsche um die Gesunderhaltung der weissen Rasse ginge – und wirft einmal im verstaubten KP-deutsch mit dem Begriff kleinbürgerlich herum.

Wo er sich jedoch auf einer analytischen Ebene bewegt, bietet sein Werk einige grundlegende Fakten, die für die Urteilsbildung und kritische Auseinandersetzung mit der Theorie Gesells und seiner Schüler unabdingbar sind. Besonders in der Auseinandersetzung mit der ökonomischen Theorie weist er einige Mythen, die sich hartknäckig halten, nach und entzaubert diese. So thematisiert er u.a. den Wörgelmythos und Stam Scrips sowie kontextualisiert auch die Würdigung Keynes für Gesell. Ebenso hat er in der Darstellung des Antisemitismus und des Rassismus sehr gute Arbeit geleistet – auch wenn ich mich streckenweise eine stärkere, historische Einordnung dessen gewünscht hätte. Bezogen auf die Aspekte „Sozialdarwinismus“ und „Frauenfeindlichkeit“ scheint mir Peter Bierl zeitweilig über das Ziel hinauszuschiessen bzw. die Gedankenführung Gesells misszuverstehen.

Bei der Thematisierung der nationalsozialistischen Gesell-Rezeption vermisse ich auch die eine oder andere Position. So hat zwar Gottfried Feder, von „Brechung der Zinsknechtschaft“ geschwafelt, aber gleichzeitig hat er sich gegen Gesells Theorie ausgesprochen, was in diesem Kontext auch von Relevanz ist.

Trotz einiger Kritikpunkte ist dieses Buch fraglos ein wichtiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kapitalismuskritik und der ökonomischen Lehre von Silvio Gesell, die sich u.a. in vielen modernen Tauschringen weltweit wiederfindet.

 

Peter Bierl: Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismuskritik von rechts: Der Fall Silvio Gesell, herausgegeben von Friedrich Burschel, kvv konkret Hamburg 2012, ISBN: 978-3-930786-64-0, Preis: 24,80€, 252 S.. [ZUM BUCH]

 

Maurice Schuhmann

Prolls

 

9783940884794-neu 150Es ist vermutlich eine britische Eigenschaft: Sachbücher so zu schreiben, dass es Spaß macht, sie zu lesen. Solche Bücher gibt es natürlich auch im deutschen Sprachraum, aber hier sind es einige wenige. Das ist der Unterschied. Und so hat der britische Autor Owen Jones mit „Prolls - die Dämonisierung der Arbeiterklasse“ ein Buch vorgelegt, welches man nicht nur mit Interesse, sondern auch mit Lesefreude zu sich nehmen kann.

Jones, Historiker und Journalist, hat akribisch recherchiert. Und das Ergebnis seiner Recherche über Arroganz und Menschenverachtung der britischen Mittelschicht ist zu einem Buch geronnen, dessen klare Sprache einen heranführt an die Denkungsart der Prosecco trinkenden Mittelschichtskretins, die nicht nur in Großbritannien die Geschicke des Staates leiten.

Owen Jones spürt den Rufmordritualen einer Journaille nach, die den Blutdurst der wohlhabenden Mittelschichten bedient. Er zeigt an exemplarischen Beispielen den Klassenhass auf, den die Bourgeoisie ohne jede Selbstreflexion jenen entgegenbringt, die die marginalisierte Arbeiterklasse bilden. Die Widerlichkeit dieser Denkungsart wird schonungslos offengelegt. Dabei bleibt - ein großes Verdienst des Autors - er unterhaltsam, also nicht nur lesbar, sondern gern lesbar.

Die Hetzjagden auf vermeintliche Kindsmörder, das Aufzeigen der unterschiedlichen Berichterstattung bei Kindstötungen im den verschiedenen Milieus - das gelingt Jones so intensiv, dass das Ergebnis im Leser verbleibt und den Blick auch auf hiesige Verhältnisse öffnet.

Da generiert sich eine Mittelklasse als Wahrer von Liberalität und Fortschritt. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Nicht sie, sondern die von ihr verachtete und nach allen Regeln der demagogischen Kunst bekämpfte Unterschicht ist es, in der die Akzeptanz von Homosexuellen und konfessionellen Mischehen die durchschnittliche Verhaltensweise ist. Owen Jones deckt also nicht nur auf, wie die Mittelklasse mit den Marginalisierten umspringt, sondern auch, wie sie sich selbst belügt.

Owen Jones macht keinen Hehl daraus, dass die Verachtung der Arbeiterklasse auch deshalb so stattfinden kann, wie sie stattfindet, weil die Gewerkschaften nach den Regierungsjahren der Torys und der Kamarilla von New Labour schwach sind, weil der Stolz der englischen Arbeiterklasse gebrochen ist und natürlich, weil der Niedergang der britischen Industrie auch ein Niedergang der Arbeiterklasse war, die angewiesen auf staatliche Transferleistungen, mit hohen Arbeitslosigkeitsraten den Zusammenhalt verloren hat.

Eine Gesellschaft, in der für die Mittelklasse Kampfsportkurse angeboten werden, um den Prolls, die in England Chavs heißen, ordentlich aufs Maul zu hauen, eine Gesellschaft, in der der Klassenkampf der Reichen gegen die Armen in der Tat noch das ist, was sein Name suggeriert, Kampf nämlich: Owen Jones bringt sie uns näher. Und er schreibt dabei in einem Stil, von dem sich hiesige Autoren gerne eine Scheibe abschneiden können. Spannend, journalistisch sauber und gut recherchiert. Ein seriöses und verdienstvolles Buch - nicht nur über die Gesellschaft auf der Insel.

Verlag André Thiele | 2012 | Hardcover | 314 Seiten | 9783940884794 | € 18,90
http://www.vat-mainz.de/buecher/sachbuch/jones-prolls.php

Pflichtprogramm

 

ts2111gGendering 9/11

An der Freien Universität Berlin gehört  zum Pflichtprogramm für jeden, sich irgendwie als links definierenden Studierenden der Besuch eines Kapital-Lektürekurses und mindestens eine Hausarbeit, in der eine Foucault’sche Diskursanalyse durchgeführt wird. Allgemein erfreut sich die Methodik der Diskursanalyse – häufig in Form einer Medienanalyse – unter Sozialwissenschaftlern grosser Beliebtheit. Zeitweilig hatte man den Eindruck, dass im fast wöchentlichen Rhythmus Diskursanalysen erschienen, die rassistische, sexistische und homophobe Stereotype aufzudecken versuchten. Dabei wird man selten das Gefühl los, dass sich die Verfasser von Medienanalysen, auch wirklich mit der Funktionsweise von Medien und Journalismus auskennen. Die Trennung von Bild- und Textredaktion wird ignoriert, die eigenen, redaktionellen Recherchen von Redaktionen und  die Arbeit mit Agenturmeldungen wird nicht differenziert und der Leser als Käufer und Konsument wird völlig ausgeklammert.

Die an der Freien Universität Berlin als Doktorarbeit eingereichten Arbeit „Gendering 9/11. Medien, Macht und Geschlecht im Kontext des ‚War on Terror’“ von Andrea Nachtigall sticht aus der Fülle von Veröffentlichungen von Diksursanalysen qualitativ heraus – auch wenn sie passagenweise den oben angeführten blinden Flecken der Medienanalyse reproduziert. Das Anliegen ihrer umfangreichen Medienanalyse der Printausgaben der beiden deutschen Leitmedien „FAZ“ und „Spiegel“ zwischen dem den AnschLägen vom 11. September (11/9) und dem der Entscheidung über das Bundeswehrmandat zum Afghanistankrieg. Sie selbst erläutert im Vorwort ihrer Arbeit als Alleinstellungsmerkmal ihrer Arbeit gegenüber der unüberschaubaren Menge von Titel über das Thema „9/11“: „Die Untersuchung unterscheidet sich damit von der mittlerweile kaum mehr zu überschauenden Menge an Publikationen zum 11. September  in zweierlei grundlegender Hinsicht: Zum einen beschäftigt sie sich mit den medialen Artikulationen und Deutungen von ‚Terror’ und dem ‚Krieg gegen den Terror’ – nicht mit den Ereignissen und politischen Konsequenzen an sich. Zum anderen fragt sie nach den geschlechtlichen Rollen- und Identitätszuschreibungen, Metaphern und Symboliken und ihrer Funktion“ (11). Ihr Anliegen ist es dabei aufzuzeigen, „dass Geschlechterbilder im Zusammenhang mit den kollektiven Identitätskonstruktionen eine zentrale symbolische Ressource darstellen, die die diskursiven hierarchisierenden Grenzziehungsprozesse zwischen ‚Eigenem’ und ‚Fremden’, Freund und Feind, nochverschärfen und verstärken“ (19). Der Vergleich von einer Tageszeitung wie der FAZ und einer wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazins wie dem Spiegel wird von ihr problematisiert lediglich implizit im Zuge der Strukturanalyse beider Medien.

In der Einleitung umreisst sie – nicht immer ohne eine gewisse mitschwingende Polemik - die medial verbreitete Bedeutung des 9/11 und streift auch die Theorie der „neuen Kriege“. Es ist ein ziemlicher Performanceritt durch die Bandbreite sozial- und geisteswissenschaftlicher Debatten. Dem schliesst sich ein sauber verfasstes Theoriekapitel an, in dem sie den theoretischen Komplex von Krieg, Geschlecht und Medien aus einer feministischen, gender-sensiblen Standpunkt aus skizziert, sowie eine Erläuterung der von ihr gewählten Methodik und der ausgewählten Quellentexte vornimmt. Dies ist sehr flüssig und informativ verfasst. Es erlaubt auch dem relativen Laien, sich schnell in die von ihr im Hauptteil durchgeführte Analyse einzufinden.

Der Hauptteil der Arbeit ist dementsprechend eine Analyse der Deutung der Ereignisse (der Anschlag, die sog. Kofferbomber) und die Darstellung der Hauptakteure (u.a. Georg W. Busch, Joschka Fischer und die Grünen, die KSK, die Taliban, die afghanischen Frauen). Die Analyse der Akteure, die vom Umfang her überwiegt, erfolgt anhand einzelnen Geschlechtskonstruktionen – z.B. „Staatsmann“, „charismatischer Führer“ oder „Opfer“ und Wilder“ etc. . Dabei berücksichtigt sie auch die westliche Konstruktion des Orients und von rassistischen Stereotypen im generellen, was sich in der von hier aufgezeigten Verbindung des Kriegsdiskurses auf der Ebene der Internationalen Beziehungen und der innenpolitischen Ebene in Form der Verbindung des Diskurses über Asylsuchende und Flüchtlinge bzw. in der Verabschiedung von Anti-Terrorgesetzen in Deutschland. Neben der Analyse dessen erfolgt auch eine Interpretation jener Deutungsmuster aus feministisch-politikwissenschaftlicher Perspektive. Vereinzelt werden dabei auch die Thesen durch den Abdruck von Bildmaterial aus den entsprechenden Magazinen unterstrichen.


In ihrem Fazit, fasst sie die Ergebnisse fokussiert zusammen und öffnet jenen Themenkomplex durch eine Einbindung neuerer und aktueller Ereignisse wie der Errichtung eines Denkmals für gefallene Bundeswehrsoldaten. Ebenso rundet ihre Auseinandersetzung mit der fehlenden Auseinandersetzung mit Frauenrechten in Afghanistan nach dem Krieg in den Medien die Arbeit ab. Sie unterlässt allerdings, die von ihr gewählte Methodik zu reflektieren und die ihr immanenten weissen Flecken zu benennen.

Eine ihrer vielleicht besonders diskussionswürdigen Thesen lautet, dass mit der Gestalt des Terroristen eine neuer „Akteur“ im Diskurs konstruiert wird. Hier wäre vielleicht ein kurzer Exkurs über das Verhältnis der Figur des „Terroristen“ und des „Partisanen“ wünschenswert gewesen, da nach der oberflächlichen Betrachtung eine dichte Nähe zwischen beiden Figuren besteht.

Trotz einzelner Kritikpunkte ist diese Arbeit ein wichtiger und weiterführender Beitrag für den politikwissenschaftlichen Diskurs. Er verdeutlich erneut, wie das Konstrukt von Geschlecht auch in den Bereich der Internationalen Beziehungen hineinreicht, und führt zu diskussionswürdigen Ergebnissen. Sie verdeutlicht in welchem Masse Geschlechtskonstruktionen bei der Legitimierung von politischem Handeln genutzt werden. Sie verdeutlicht darüber hinaus u.a., wie die zur Legitimation des Afghanistankrieges verwendete Legitimationsmuster des Kampfes gegen die Unterdrückung der Frau und die Homophobie zu einer Kaschierung selbiger im eigenen Land führen. Insgesamt ist es aber eine sehr aufschlussreiche und wichtige Veröffentlichung, die einen wichtigen Zusammenhang in der Logik und Feindkonstruktionen beleuchtet.


Maurice Schuhmann

Andrea Nachtigall: Gendering 9/11. Medien, Macht und Geschlecht im Kontext „War on Terror“, transcript Verlag Bielefeld 2012, ISBN: 978-3837621112, Preis: 34,80 Euro, 474 S.

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