Eine gewisse Tendenz

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Sachbuch

Oberhausen 3.-5.9.: LiMESSE - Die 1. Libertäre Medienmesse

Gar nicht nur Mühsam ...

www.limesse.de


In einem der größten europäischen Ballungsgebiete mit mehr als acht Millionen Menschen, stellen vom 3. bis 5. September 2010 libertäre Verlage, Zeitschriften, Radio-, Video- und Internetprojekte ihr Programm vor. Drei Tage Messe, Projektvorstellungen, Lesungen, Kultur, Veranstaltungen, Infos, Leute treffen und Pläne schmieden für eine Welt jenseits von Krise und Ausbeutung. Dafür möchte die 1. Libertäre Medienmesse für den deutschsprachigen Raum (Limesse) einen Rahmen bieten.       

Die Messe

In der Konzerthalle des Jugend- und Kulturzentrums »Druckluft« stellen eine große Zahl libertärer Verlage und anderer libertärer MedienproduzentInnen ihre Bücher, Broschüren, Tonträger, Filme, Websites, Blogs und sonstige Medien der interessierten Öffentlichkeit vor. Von Freitag Abend bis Sonntag Mittag werden Projekte aus der BRD, der Schweiz, Österreich, Spanien, der Türkei und Großbritannien ihre Medien präsentieren und anbieten. Eine Übersicht über die teilnehmenden Projekte findet sich auf der Seite Aussteller. Für BesucherInnen ist der Eintritt zur Messe frei. Von den AusstellerInnen erheben wir einen geringen Unkostenbeitrag.


Öffnungszeiten

Freitag, 3. 9. 2010       18.00 - 21.00 Uhr

Samstag, 4. 9. 2010     10.00 - 20.00 Uhr

(Konzert: Einlass 20.00 Uhr - Beginn 21.00 Uhr)

Sonntag, 5. 9. 2010     10.00 - 16.00 Uhr

Das Veranstaltungsprogramm
Parallel zum und in Anschluß an den Messebetrieb finden auf dem Gelände des »Druckluft« in verschiedenen Räumlichkeiten eine Vielzahl von Veranstaltung im Rahmen der libertären Medienmesse statt. AutorInnen werden ihre Bücher vorstellen, Projekte ihre Arbeit zeigen, erläutern und diskutieren. In Zusammenarbeit mit der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft „Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union“ (FAU) wollen wir außerdem über die zunehmend prekären Arbeitsbedingungen von (nicht nur) Medien-ArbeiterInnen sprechen. Eine kleine Auswahl von Veranstaltungen findet sich auf der Seite Programm.

Drumherum
Am Samstag Abend wird im Rahmen der Libertären Medienmesse ein Konzert von »Anarchist Academy« stattfinden. Im Anschluss werden DJs aus der Region auflegen. Während der Messe bietet »Le Sabot« Essen für das leibliche Wohl der BesucherInnen. Für Kaffee, Kuchen und Getränke während der gesamten Messezeit ist ebenfalls gesorgt. Um Unterbringung kümmert ihr euch selbst – wir haben als Hilfestellung einen kleinen Überblick potentieller Übernachtungsmöglichkeiten in der Region zusammengestellt. Auf der Seite „Vor Ort“ findet ihr außerdem weitere Infos zum Veranstaltungsort und zur Anreise.

Die OrganisatorInnen
Die Libertäre Medienmesse wird organisiert von einer Gruppe von Medien-, Sozial- und GewerkschaftsaktivistInnen aus dem Ruhrgebiet, dem Rheinland und dem Niederrhein. Die Limesse ist ein Non-Profit-Projekt. Die LiMesse versteht sich als Teil einer widerständigen Kultur gegen die industriegesponserte Kommerz- und Schönwetterkultur des offiziellen europäischen Kulturhauptstadtprojektes „Ruhr 2010“. Die OrganisatorInnen der „Libertären Medienmesse“ beteiligten sich in diesem Rahmen u. a. am EUROMAYDAY 2010 in Dortmund und empfehlen zum Thema den Blog der AG kritische Kulturhaupstadt.Ihr könnt euch unter contact{ät}limesse.de mit der  Vorbereitungsgruppe in Verbindung setzen.


VERANSTALTUNGSPROGRAMM

Im Rahmen der Libertären Medienmesse wird es eine Vielzahl von Veranstaltungen geben. AutorInnen werden aus ihren Büchern lesen und diese vorstellen und Projekte werden ihre Arbeit präsentieren. Auf dieser Seite findet sich der jeweils aktuelle Stand des Veranstaltungsprogramms. Aufgrund der Vielzahl von Präsentationen, laufen Veranstaltungen parallel. Diese Übersicht wird laufend ergänzt und erweitert.

Freitag
, 3. September 18:15 - 19:00 Uhr

Gibt es „Anarchistische Verlage“?

Die Buchbranche und Kapitalismus.

Andreas W. Hohmann



19:15 - 20:00 Uhr

Anarchismus & Internet

Jünger/in Datans



20:15 - 21:00 Uhr

Arbeitskampf im Internet

Das Projekt chefduzen.de

Markus Lawrenz



Samstag, 4. September



12:00 - 12:45

Betriebsbesetzungen: Arbeiterwiderstand

gegen die Pläne des Kapitals

Rainer Thomann



13:00 - 13:45

Polyamory

Thomas Schroedter



13:15 - 14:00 Uhr

Das Free! Projekt

FREE!Aktivist/in



14:00 -    14:45

Sober Living for the revolution

Gabriel Kuhn



14:15 - 15:00 Uhr

Das Kommune-Projekt Burg Lutter

Martin Kinzig



15:00 - 15:45 Uhr

Die Abel Paz Biographie

Andreas W. Hohmann



15:15 - 16:00 Uhr

Autonome Perspektiven

ak wantok



16:00 - 16:45 Uhr

Anarchistische Gedichte

Mayerbeetle



16:15 - 17:00 Uhr

Freiheit und Gerechtigkeit

Die Geschichte der Ukraine aus libertärer Sicht

Danyluk



17:00 - 17:45 Uhr

Der libertäre Widerstand der Libertären Jugend Spaniens gegen das Franco-Regime (1939-1969)

Folkert Mohrhof



17:15 - 18:00 Uhr

Gustav Landauer

Siegbert Wolf



18:00 - 18:45 Uhr         

Gegen 1000 Kreuze

AK »Gegen 1.000 Kreuze«



18:15 - 19:45 Uhr

Die »Fundación Anselmo Lorenzo« (FAL) stellt ihren Verlag und ihre Archiv vor.

Fundación Anselmo Lorenzo, Madrid



19:00- 20:30 Uhr

170 Jahre Anarchismus, 38 Jahre Graswurzelrevolution

Bernd Drücke



Sonntag, 5. September




13:00 - 13:45 Uhr

Das Schlachten beenden!

Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen

Lou Marin        



14:00 -16:00 Uhr

Workshop Statuentheater

Enough is Enough

whalley_chumbawambaEs gibt unterschiedliche Gründe, die Biographie eines Musikers zu lesen. Im Regelfall sind es drei wesentliche Gründe für die Lektüre:

  1. Der betreffende Musiker ist ein Idol / Vorbild.

  2. Der betreffende Musiker hat Musikgeschichte geschrieben, d.h. er hat maßgeblich eine Musikrichtung bestimmt.

  3. Das Leben des betreffenden Musikers steht beispielhaft für eine Entwicklung oder musikalische Subkultur. Aus seinem Leben kann man Hintergründe und Entwicklungen herauslesen, die eine Generation oder Subkultur prägten.

 Im Falle von Boff Whalley ist es der dritte Grund, der seine kürzlich bei Edition AV publizierte (Auto-)Biographie spannend macht. Der ist Gründungsmitglied und Gesang / Gitarre der Folk-Pop- Band Chumbawama, einer der Bands, die trotz linksradikaler Inhalte ihrer Texte und öffentlichen Solidaritätsbekundungen mit den Kämpfen linker Strukturen es in die Charts geschafft haben und selbst von unpolitischen und kommerziellen Medien bejubelt wurden. Sie lieferten mit ihrem Song zum „Buy nothing day“ oder „Enough is enough“ einen Soundtrack zur linksradikalen Politik der 90er Jahre und des Beginns des 21. Jahrhunderts.

Boff Whalley wuchs in einem religiösen religiös geprägten Umfeld auf. Inspiriert durch die Musik und Ästhetik der 77er Punkrockgeneration, die auf ihn wie für viele seiner Generation einen prägenden Eindruck hinterließ, setzte bei ihm ein Umdenken ein. Gepaart mit seiner Entdeckung des Anarchismus, die er sehr spritzig beschreibt, kann dies als die Initialzündung für seine musikalische Entwicklung betrachtet werden, die 1982 mit der Gründung von Chumbawamba . In einem flappsig, gut zu lesenden Stil beschreibt er prägende Ereignisse und Entwicklungen seines Lebens – von der Schulzeit auf einer religiösen Schule bis hin zu seinem Leben in der musizierenden Kommune (ähnlich des Grundgedankens von „Ton Steine Scherben“), die als Chumbawamba ein Stück weit auch Musikgeschichte geschrieben hat. An manchen Stellen fehlt mir dabei allerdings die kritische Reflektion – z.B. wenn er erstmalig über ein Konzert der Oi!-Heroen Cockney Rejects schreibt, jener Band, auf die der kolportierten Legende nach der Begriff „Oi!“ zurückgeht. Andere Passagen hingegen weisen intelligente und pointierte Kritiken bereit.

 Allgemein hinterlässt jene 2004 erstmalig erschienene Autobiographie ein zwiespältiges Gefühl beim Lesen. Whalley beschreibt subjektiv seine Wahrnehmungen und unterlässt (bewusst) eine Einordnung dessen in einen größeren Kontext. Vor diesem Hintergrund wirkt es sehr authentisch und sympathisch, was er schreibt, aber für den bislang wenig mit den Hintergründen der entsprechenden Subkultur- und Musikgeschichte vertrauten Leser eine etwas schiefes Bild der Generation vermittelt bzw. wenig Anker bietet, das niedergeschriebene einzuordnen. Wer sich mit der Geschichte des Punkrocks oder der Bandgeschichte von Chumbawamba auseinanderzusetzen will, hat sicherlich einiges in seiner Biographie zu entdecken. Für alle anderen wäre es ratsam, sich neben der Lektüre des Buches auch mit weiterführender Literatur zu beschäftigen. Nichts destotrotz ist diese Biographie ein echtes Lesevergnügen mit seinen vielen lustigen Anekdoten über die Freaks, die er in seinem musikalischen Werdegang erlebt hat.

Die hier vorliegende Veröffentlichung von AV weist leider einige Schwächen auf, die es zu benennen gilt. Aufgrund der prekären Finanzlage des Verlages wurde leider an einem adäquaten Korrektorat und Lektorat gespart. Das Buch wimmelt von Tippfehlern und weist einige holprig-übersetzte Passagen auf. Ebenso hätte man sich von der Übersetzerin die eine oder andere zusätzliche Anmerkung gewünscht. Einige der von Whalley als wichtigen Einfluss auf ihn benannten Bands sind heute bzw. in Deutschland kam bis gar nicht (mehr) bekannt. Hier würden kurze Anmerkungen über die Bedeutung der Bands für die damalige Zeit bzw. über ihren Hintergrund das Verständnis für den Leser erleichtern.


Infos zur Band: www.chumba.com

Boff Whalley: Anmerkungen* zu Chumbawamba und mehr, Edition AV Lich 2009, 264 S., Preis: 18 Euro, ISBN: 978-3868410211.

Magnaten der Titanic

Weitmann.MadoffAmir Weitmanns Blick hinter die Kulissen von Madoffs betrügerischem Imperium

Orell Füssli hat erneut ein Buch vorgelegt, das nicht nur in Finanzkreisen zu Pflichtlektüre avancierte. Der Titel des Buches könnte auch lauten: Wie verbrenne ich 65 Mrd. US-Dollar und lasse es mir dabei lange gut gehen?

Weitmann sprach nicht nur mit den Opfern des Milliardenbetrugs, die im Buch zu Wort kommen, er gibt tiefe Einblicke in die Mechanismen eines Marktes, der sich längst jeder tatsächlichen Kontrolle entzieht und offenbart so die ganze, unvorstellbare Tragweite des Börsenskandals. Diffizil leuchtet er die Mechanismen aus, die einen Madoff hervorbringen konnten und entlarvt dabei die Hauptfigur als Jahrhundertbetrüger. Deutlich arbeitet das Buch heraus, wie es über einen so langen Zeitraum gelingen konnte, alle – vom Kleinanleger bis zu staatlichen Organisationen – zu blenden.

Vor allem die Sachlichkeit und evidente Fachkenntnis überzeugen bei diesem Buch. Wer eine anprangernde Abrechnung mit dem Finanzsystem sucht, wird vergeblich lesen. Dafür eröffnet es aber Ein- und Weitblicke, die nicht auf die Schnelle recherchierbar sind, geht den Schwächen des Systems und den Motivationen seiner Agitatoren auf den Grund. Lesen!


Amir Weitmann: Madoff. Der Jahrhundertbetrüger. Chronologie einer Affäre.

orell füssli Verlag, ISBN 978-3-280-05389-8

Howard Zinn: Autobiografie

zinnautobiografieSchweigen heißt Lügen

Im Januar 2010 – kurz vor dem Erscheinen seiner Autobiographie in deutscher Sprache – ist der amerikanische Historiker Howard Zinn verstorben. Sein Werk „Geschichte des amerikanischen Volkes“, das 1980 erstmalig erschien, ist sicherlich eines der wichtigesten geschichtswissenschaftlichen Studien der USA - aus einem linken Fokus heraus. Das Buch gilt als ein gutes Beispiel für „Geschichte von unten“. Howard Zinn war keiner der blutleeren Professoren ohne Bezug zur Realtität – er selber stammte aus der amerikanischen Unterschicht und nahm an den sozialen Bewegungen seiner Zeit statt. Er erhob seine Stimme und machte seinen, mit seinem Job einhergehenden Einfluß geltend, um gegen Ungerechtigkeit und Krieg vorzugehen.

Aufgewachsen in Brooklyn, meldete er sich als GI und nahm am II. Weltkrieg als Bomberpilot teil. Aus dem einstigen GI wurde später ein überzeugter Antimilitarist, der dennoch erklärte: „Gewaltlosigkeit und Pazifismus galten als märchenhaft, als sanft, töricht, romantisch, unrealistisch. Dennoch bereitete mir in den siebziger und achtziger Jahren keine Frage meiner Studenten mehr Probleme als diese: 'Okay, Krieg ist schlecht, doch was würden Sie gen den Faschismus tun?' Um ehrlich zu sein, konnte ich nicht so tun, als wüsste ich darauf eine klare Antwort, doch ich mir sicher, dass die Antwort nicht das Gemetzel des Krieges sein konnte.“ (S. 139). In solchen Passagen reflektiert er somit auch die eigenen Zweifel, die wohl jeder Aktivist kennt. Es macht ihn menschlich und verdeutlicht die Situation, in der sich auch viele andere Aktivisten befinden.

Das GI-Stipendium nutzend studierte Zinn Politikwissenschaft (oder Geschichte) in New York City – es ist nicht genau bekannt – und promovierte an der Colombia University. Im Anschluss daran lehrte er am Spelman College, einer Hochschule für farbige Frauen, wo er auch intensiv an dem Kampf gegen die Segretation teil hatte und zum Mentor vieler Aktivistinnen wurde. Seine Autobiographie ist daher eng verbunden mit der Geschichte des SNCC und anderer afroamerikanischer Befreiungsbewegungen.

Ebenso wie auch sein Kollege Noam Chomsky, mit dem er häufig in einem Atemzug genannt wird, nahm er aktiv am Kampf gegen den Vietnamkrieg teil und wendete sich auch gegen den Irakkrieg.

Seine Autobiographie beschreibt seinen Werdegang und die Kämpfe, die darin eine Rolle spielten. Bezüglich seiner Lebensgeschichte lässt sich aber auch feststellen, daß seine Biographie auch ein Porträt einer Epoche amerikanischer Geschichte ist – einer Geschichte von sozialen Bewegungen.

Für ein deutsches Publikum ist dieses Buch streckenweise nicht nur wegen des leicht konfusen Stil, sondern auch wegen der fehlenden Anmerkungen. An manchen Stellen wäre es für ein deutsches Publikum sinnvoll gewesen, wenn einzelne Begriffe oder Ereignisse in Fußnoten erläutert werden. Dennoch ist dieses Buch lesenswert – es macht Mut zum Weiterkämpfen. Im Nachwort schrieb er: „Ich bin ein Träumer. Ich will alles. Eine friedliche Welt. Eine egalitäre Welt. Keinen Krieg. Keinen Kapitalismus. Ich will eine anständige Gesellschaft.“ (S. 281) Hierfür hat er sein Leben lang gekämpft und trotz aller Rückschläge daran festgehalten. Das macht Mut zum Weiterkämpfen – und zeigt, dass es auch anders geht – jenseits des Mainstreams.

Howard Zinn: Schweigen heißt Lügen. Autobiographie, Edition Nautilus Hamburg 2010, ISBN: 978-3894016043, 288 S., Preis: 22 Euro.

Borderline

borderlineWeder tot noch lebendig

Plastisch schildert der Verfasser einleitend eigene verstörende  Kommunikationserfahrungen. Daran anknüpfend lässt Mertz die  Entwicklung des Borderline-Begriffs erst einmal Revue passieren, um  dann die bekannten diagnostischen Ansätze herb zu kritisieren. Seiner  durchaus nachvollziehbaren Ansicht nach werden die üblichen eher  statistischen Diagnoseverfahren (erhebliche Symptome in mindestens 4  von 7 Bereichen ... ) dem Borderline-Syndrom nicht gerecht. Mertz  greift daher auf die ursprüngliche Bedeutung des Borderline-Begriffs  zurück, der Grenzlinie zur Psychose.. Die Psychose als in sich  geschlossenes System einer 'alternativen' Realität führt Mertz auf  die dauernde oder zeitweise Unfähigkeit zu emotionaler Kommunikation  zurück. Es mangele den Betroffenen offenbar an emotionaler  Wahrnehmungsfähigkeit, die lange vor jeglicher Kognition den  Unterschied zwischen Unbelebtem und Lebewesen vermittele. Daher rührt  der Untertitel: „Weder tot noch lebendig“.

Der Autor stellt einen Zusammenhang zum Autismus her, den er als die  extreme Variante des Borderline-Syndroms verortet. Mertz spannt einen  Bogen über die vielfältigen Varianten des Autismus, um aus deren  Verhaltensbesonderheiten eine Phänomenologie des Borderline-Syndroms  zu entwickeln. Besonderes Augenmerk richtet er dabei auf den  'blanden' Typus, der durch ein eher unauffälliges Erscheinungsbild  charakterisiert ist. Den Grund dafür, dass Kliniker eher selten mit  ihm konfrontiert werden, sieht Mertz in seinem Bedürfnis und seiner  Fähigkeit, sich an gesellschaftliche Normen anzupassen. Mertz nimmt  in diesem Zusammenhang auch Bezug auf die Figur des  'Tiefensimulanten', die Helene Deutsch erstmalig beschrieben hat.

Bei aller Fülle an diagnostischem Material wird der interessierte  Leser therapeutische Ansätze anfänglich vermissen und erst in den  Details der Fallschilderungen da und dort etwas entdecken. Da der  Autor selbst diesbezüglich eher pessimistisch ist, konzentriert er  sich auf die Suche nach Möglichkeiten zur Prävention und den  Ursachen der Erkrankung, die er in einer Schädigung des Embryos oder  des Kleinkinds durch emotionale Distanz der Mutter bzw. des  'Primärversorgers' vermutet. Darüber hinaus sieht er dabei auch  Zusammenhänge mit dem 'Plötzlichen Kindstod'.

Zum Abschluss stellt Mertz das Borderline-Phänomen in einen  gesellschaftlichen Zusammenhang. Seinem Ansatz einer schon fötal  einwirkenden Schädigung folgend erscheint nicht nur ihm der Umstand,  dass rund drei viertel der im Psycho-Buisiness ankommenden Bl -  Patienten weiblich sind, mehr als erklärungsbedürftig. In  Ermangelung von systemischen Begründungen lenkt der Autor den Blick  des Lesers auf das gegenwärtige soziale Umfeld. Hier, in der  Postmoderne, finde der meist männliche emotional gehemmte eine  Umgebung, die seine Behinderung als 'Leistung' erscheinen lasse. Die  öffentliche Anerkennung dieses Typus' bewertet Mertz in sarkastischer  Weise als 'Resozialisierungsprogramm' für blande Borderliner. Diese,  seine Perspektive, eröffnet einen mitunter verstörenden Blick auf  die emotionale Verwahrlosung speziell der so genannten Funktionseliten.

Dem geneigten Leser mit etwas Vorerfahrung offeriert der Autor ein  reichhaltiges Bouquet an "Déja-Vues" und verzichtet soweit möglich  auf das übliche psychoanalytische Fachvokabular. Stattdessen bedient  sich Mertz eines fabulierenden, lebendigen Erzählstils, der es dem  Leser erleichtert, dem Autor zu folgen. Das ist zugegebenermaßen  nicht immer einfach. Die schiere Überfülle an Details und eine  gewöhnungsbedürftige Systematik, die sich zudem nicht durchgängig  im Inhaltsverzeichnis widerspiegelt, erschweren den Zugang.

Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Umstand neben Mertz'   Totalverriss der klassischen Psychoanalyse für die eher sparsame  Rezeption verantwortlich ist. Ein Jahrzehnt nach der  Veröffentlichung – und obwohl die Erstauflage schon seit einiger  Zeit vergriffen ist – haben seine Gedanken zwar offenbar Eingang in  die Anthropologie und Kulturphilosophie gefunden, doch Rezensionen  und Bezugnahmen im psychotherapeutischen Umfeld sucht man weitgehend  vergeblich.


J. Erik Mertz
"Borderline - Weder tot noch lebendig..."
Thieme Verlag Stuttgart 2000
ISBN-13: 978-3131259516

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