22.05.2013 19:30 -
22:30
Heinrich von der Haar liest in Rathenow
24.05.2013 20:00 -
23:00
Dominik Plangger @ Kostbar Thomsdorf
25.05.2013 20:00 -
23:00
Dominik Plangger @ 11-line Potsdam
27.05.2013 19:45 -
22:45
Autorenlesung Michael Kuss "Pariser Mai 68"
30.05.2013
3. PARADIESVOGELFEST
| Keine Termine |
Erst kommt Beckmann und dann kommt der Oberstleutnant a.D.
Gleich vorweg: Die AkteurInnen, die in der Berliner Schaubühne ein Stück nach Borcherts „Draußen vor der Tür“ aufführen, sind, wie sollte es anders sein, großartig. Aber es hilft nicht, nur gute Schauspieler und Schauspielerinnen zu haben. Man braucht, wenn ein Stück wie dieses verändert wird, auch eine Regie und eine Textarbeit, die diesem Drama gerecht wird. Daran scheitert die Sache. Sie scheitert kläglich.
„Draußen vor der Tür“ ist ein umstrittenes Stück. Die Kritik und die Rezeption war niemals einhellig. Worum geht es: Nach einer dreijährigen Kriegsgefangenschaft in Sibirien kommt der Unteroffizier Beckmann zurück nach Hamburg. Er findet seine Frau in den Armen eines anderen. Sie beraubt Beckmann seines Vornamens. Der in der Stadt Verlorene will sich das Leben nehmen. Aber die Elbe – der Fluss, zu dem Hamburger ein Verhältnis wie zu ihrer Mutter haben – weist ihn zurück. Die Elbe spuckt den Verzweifelten in Hamburg Blankenese wieder aus. Gott, den Beckmann vor dem Sprung ins Wasser trifft, lamentiert über seine „Kinder“. Beckmann fragt ihn, seit wann man ihn denn einen „lieben Gott“ nennt und wo er im vergangenen Krieg „lieb“ gewesen sei. Ein an Toten überfressener Tod versichert Beckmann einer stets offenen Tür zu seinem Reich. Beckmann wird, bis zum vorletzten Akt des Stückes, vom „Anderen“ begleitet. Über das Wesen des „Anderen“, also darüber, wessen Verkörperung er darstelle, gehen seit der Uraufführung von „Draußen vor der Tür“ als Hörstück im NWDR die Meinungen auseinander. Wie viele andere auch bin ich der Meinung, dass Borchert mit dem „Anderen“ die Gesellschaft an sich darstellen wollte, die Beckmann auffordert sich wieder zu integrieren. Aber Beckmann kann nicht. Er schleppt nicht nur das Gewicht der steinigen Verlorenheit in den Steinhaufen der zerbombten Stadt mit sich, sondern auch seine Verantwortung für einen Krüppel und elf bei einem Angriff getötete Soldaten. Er trägt also an einem Leid, das auf ihm lastet, und das er loswerden will, weil er sich entschulden will. Sein ehemaliger Oberst, der sich im zerstörten Hamburg eine ordentliche Wohllebe gönnen kann, soll die Verantwortung zurücknehmen. Damit wird der Oberst zu einer Doppelung des schwachen Gottes. Aber im Gegensatz zum lamentierden Gott, der seine Kinder beklagt, ist der Oberst ein arroganter Gott. Er nimmt die Schuld nicht zurück, entschuldet also Beckmann nicht, sondern rät ihm, erst mal „Mensch“ zu werden. Eine zum Scheitern verurteilte Idee, also, die Beckmann da hatte. Aber ein notwendiger Teil des Stückes. Denn der Unteroffizier Beckmann wird seine Schuld nicht los, weil er sie nicht von sich schieben kann. Sie ist Teil seines Selbst geworden. Als Spiegelung von Beckmanns eigener Frau hat Borchert die Figur des „Mädchens“ eingefügt. Sie findet schon früh im Stück Beckmann nass am Elbestrand und nimmt den „Fischmann“ mit sich nach Hause, gibt ihm die abgelegten Kleider ihres Mannes, die Beckmann viel zu groß sind. Auch hier wird mit konkreten Mitteln abstrahiert. Im ständigen Wechsel zwischen Traum und Wirklichkeit erscheint der Mann des Mädchens Beckmann, treibt ihn dabei aus dem Haus des „Mädchens“, bevor er Selbstmord begeht - er schafft also den Abgang aus dem grauenhaften Leben in den stillen Tod; im Gegensatz zu Beckmann.
Das Stück lebt durch die hohe poetische Kraft der Sprache Borcherts. Es lebt von Alliterationen und rhythmischen Satzkonstruktionen. Er lebt aus dem Stakkato der Monologe Beckmanns, der einen Sprechanteil von sechzig Prozent hat. Er lebt also von der Verdichtung. Nichts davon ist übrig geblieben. Dabei war die Idee, die der Regisseur Volker Lösch hatte, eine gute Idee, wenn man sie auch gut umgesetzt hätte. Lösch und Stefan Schnabel haben Texte aus „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer in den Borchert‘schen Text integriert. Diese Protokolle sind durch das Abhören von Geprächen deutscher Kriegsgefangener durch den englischen und amerikanischen Geheimdienst entstanden .Sie offenbaren das ganze Grauen des deutschen Vernichtungskrieges. Aber die grauenhaften Texte, die brutale Kaltschnäuzigkeit der Mörder wird zu nichts anderem, als zu einem die Dramatik der Stückes zerstörenden Beiwerks, und dabei verlieren sie die Grauenhaftigkeit, werden auf unangenehme Weise pädagogisierende Hinweise. Das mag an ihrer Fülle liegen, also daran, dass sie zu oft vorkommen und zu larmoyant, zu sehr als Kolportage vorgetragen werden. Sie können nicht mehr durchschlagen. Weniger wäre in der Tat mehr gewesen.
Das Stück findet auf einer schwarz-rot-goldenen Stoffwelle statt. Und natürlich fragt man sich, was diese Welle solle. Das Stück selbst ist natürlich geeignet, auch Gültigkeit für die gegenwärtigen Kriege zu haben. Denn, da bin ich mit vielen britischen und us-amerikanischen Kritikern einer Meinung: Beckmann ist der ideelle Gesamtsoldat. Der Schütze Arsch, der Zugführer, der mit seinen Leuten ins Feuer geschickt wird. Er ist im Stück verortet (in Hamburg) zugleich aber leicht und ohne etwas ändern zu müssen auch in jeder anderen Stadt verortbar. Das ist die große Abstraktionsleistung des Stückes. In diese Abstraktion hätten die Abhörprotokolle eingepasst werden müssen, sie wären das konkrete Element der deutschen Schuld an einem singulären Völkermord gewesen. Indes, es ist nicht gelungen. Und ich frage mich auch, ob der Tanz auf der bundesdeutschen Flagge nicht auch dazu hätte genutzt werden müssen, die Kontinuität deutscher Politik darzustellen. Von den freispruchgleichen – und viel zu wenigen – Schuldsprüchen gegen die Völkermörder und Kriegsverbrecher vor deutschen Gerichten, bis zur schnellen Entnazifizierung derer, die die NSDAP vor 1933 finanziert und an die Macht gebracht haben. Gemeint aber war etwas anderes. Und dieses Andere ist so abwegig, dass ich es nicht glauben würde, wenn ich nicht selbst dabei gewesen wäre.
Denn aus dem reichsdeutschen Soldaten Beckmann, diesem scheinbaren Opfer, das auch Täter ist und sich von seiner Schuld durch die Rückgabe der Verantwortung an den Oberst ja entschulden will ohne sich damit auseinanderzusetzen, wird der bundesdeutsche Soldat Beckmann. Nunmehr ganz Opfer, nicht mehr Täter, nicht mehr Leidtragender der eigenen Taten, also gänzlich entborchert, der Doppeldeutigkeit, die ja bei Borchert immanent ist, entzogen. Und das Stück selbst? Es wird zu einer Propagandanummer. Es wird von sich selbst gereinigt. Auch deshalb werden die viel zu inflationär eingestreuten „Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ zu nichts, als Platzhaltern. Sie haben plötzlich nichts mehr mit Beckmann zu tun, der sozusagen über der Sache steht. Beckmann wird zu einem Opfer, dass wir alle allein gelassen haben, an dem wir Schuld zu tragen hätten, das also für uns in die mörderischen Schlachten gezogen ist. Und die Soldaten, deren Gespräche die Geheimdienste abhörten, werden trotz der Grausamkeit des Berichteten nicht länger im Status der Schuld gehalten, sondern dieser enthoben, werden nunmehr auch zu Opfern. Weil dann in Kriegen immer alle Opfer sind. Das mag auf der Ebene der kleinbürgerlichen Küchenphilosophie noch gehen, geht aber nicht an der Schaubühne. Nein, da gilt das nicht. Da gilt nicht, dass alle Opfer sind, auch dann, wenn sie von den Massenvernichtungen erzählen. Aber in dieser Inszenierung werden sie es doch, da sind sie Opfer. Da sind sie Teil eines anonymen, schicksalhaften Grauens, das es ein Graus ist.
Und dass es so kommt, dass es so ist, liegt an dem, was kommt, wenn das Stück vorbei ist. Dann nämlich kommt er. Sozusagen nach dem letzten Vorhang: Der Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr. Kommt nach Beckmann, kommt nach dem Oberst, kommt nach den Erzählungen über die Massenerschießungen und Vergewaltigungen. Und er will unser Mitleid. Der Stabsoffizier, der Kollege des Oberst aus dem Stück. Der ist in Afghanistan gewesen. Und er will, dass wir mit den Soldaten und Offizieren leiden, die nun nicht mehr schlafen können, die, wenn ihre kleinen Kinder schreien, ihre Kameraden schreien hören „und wieder kämpfen wollen“, aber im Schlafzimmer liegen. Soldaten, die offenbar nie die afghanischen Kinder schreien hören und nicht die verbrennenden Menschen an den Tanklastern bei Kundus. Die nicht nachts ihre Kameraden im Traum vor sich sehen, wie die mit den blanken Schädeln afghanischer Gefallener spielen. Die immer nur das sehen, was der ordentliche deutsche Soldat sieht: Sein Leid. Und das der Anderen ist allenfalls gut noch für eine Erzählung; leicht schüttelt er den Kopf dann beim Erzählen, über das, was in der schlechten Welt denn so vorkäme. Wie weit ist das von Borchert. Wie weit ist das von der absichtlich zwiespältigen Person Beckmann, der nicht einmal der Tod vergönnt ist und die nichts anderes tun kann, als am Schluss des Stückes darüber zu klagen, dass keiner, keiner antwortet. Aber in dieser Inszenierung, bei der das ganze Stück und das ganze zerspielte und deshalb fehlende Grauen, nichts mehr ist, als der Vorfilm für die Ansprache des Herrn Oberstleutnant a.D., geht es dann nur noch um „unsere Jungs“, die die deutschen Interessen am Horn von Afrika verteidigen und sonstwo. Besonders aber am Hindukusch. Kein Wort kommt da über die Lippen, das Leid derer betreffend, die Opfer von Drohnen und Luftangriffen wurden. Kein Wort. Da ist Schweigen. Ich bin nicht der Meinung, dass wir traumatisierte Soldaten allein lassen sollen. Ich bin in der Tat der Meinung, dass das eine staatliche Aufgabe ist, ihnen psychologische Hilfe zu geben. Aber keine gesellschaftliche. Ich bin nicht der Meinung, dass ein Stück, dass sich so sehr mit der Auswirkung von Krieg beschäftigt, reduziert werden darf auf ein Solidaritätsspiel für den armen Landser. So geht es nicht. Das eine frevelhafte Tat gegen jedes Opfer, auch gegen die Soldaten selbst. Und natürlich gegen jene, besonders gegen jene, die die Opfer der Soldaten sind. Man kann sich nach der Aufführung von „Draußen vor der Tür“ nicht als Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr hinstellen und - die Rolle des Oberst aus dem Stück übernehmend - die Verantwortung, die Schuld, die Beckmann diesem zurückgeben wollte, und nicht konnte, an das Publikum weiterreichen. Nein, ich habe keine Verantwortung für den völkerrechtswidrigen Einsatz in Afghanistan. Keine andere Schuld jedenfalls, als die, vielleicht nicht genug dagegen gekämpft zu haben. Ich habe keine Schuld an dem Luftangriff auf die Tanklaster vor Kundus, außer vielleicht die, nicht mehr dafür getan zu haben, dass der Oberst, der diesen Einsatz befohlen hat, doch noch verurteilt und nicht demnächst zum General befördert wird. Die Schuld des zu geringen Kampfes gegen den Krieg, die bin ich bereit zu tragen. Aber ich lasse mich nicht für diesen Krieg und für den Gemütszustand deutscher Soldaten vereinnahmen. Es ist ein theatralische Frechheit, Borchert für eine solche unreflektierte und sich nicht gegen Krieg an sich wendende Gesamtinszenierung zu missbrauchen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Borchert
Wikipedia-Eintrag des Stückes (mit sehr vielen Informationen)
http://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_bei_Kunduz
Website der Schaubühne zum Stück
Foto: A U.S. Air Force F-15E Strike Eagle, from the 336th Expeditionary Fighter Squadron, drops 2,000-pound munitions on a cave in eastern Afghanistan, Nov. 26, 2009 / Quelle Wikipedia
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