22.05.2013 19:30 -
22:30
Heinrich von der Haar liest in Rathenow
24.05.2013 20:00 -
23:00
Dominik Plangger @ Kostbar Thomsdorf
25.05.2013 20:00 -
23:00
Dominik Plangger @ 11-line Potsdam
27.05.2013 19:45 -
22:45
Autorenlesung Michael Kuss "Pariser Mai 68"
30.05.2013
3. PARADIESVOGELFEST
08.06.2013 18:00 -
21:00
Wölfe mitten im Mai. Ein Degenhardt-Abend.
| Keine Termine |
Es müsste eigentlich heißen Berlinale Splitter Tag drei bis zehn, denn seit der letzten Wettermeldung habe ich weder neue Kommentare verfasst noch Angaben zu Temperatur oder Wolkendichte gegeben. Das hing im Wesentlichen damit zusammen, dass die 61. Berlinale für mich persönlich erfolgreicher verlief, als die letzten Jahre hatten vermuten lassen, und mir so noch weniger Zeit blieb, als ursprünglich gedacht. Was allerdings die Berlinale selbst angeht, kann man nicht sagen, dass sie erfolgreich war, und insofern wäre mir nichts anderes übrig geblieben, als den anfänglichen Kommentaren noch sieben weitere sarkastische Artikel folgen zu lassen. So beschränkt sich diese Ergänzung jetzt nur noch auf diesen einen, letzten Artikel.
Wer die Berlinale nur aus den Medien kennt, dem muss verdeutlicht werden, dass sich die Teilnehmer grundsätzlich in zwei Gruppen unterscheiden lassen. Auf der einen Seite findet man die Pros, die 'professionals' (oder zumindest die, die sich dafür halten), auf der anderen Seite findet man das Publikum. Sie unterscheiden sich dadurch, dass die einen ihr Geld mit Filmen verdienen (oder es zumindest versuchen), während die anderen ihr Geld dafür ausgeben. Das führt zu einem weiteren Kriterium, in dem sich die beiden Gruppen unterscheiden. Die einen gehen ins Kino und schauen sich die Festivalfilme an, die anderen haben gar keine Zeit dazu. Entweder sie hetzen von Termin zu Termin, oder sie treiben sich auf irgendwelchen Empfängen und Partys herum, um Kontakte zu machen. Kontakte – Sie wissen es – sind das A & O.
Das hat auch bei mir dazu geführt, dass ich nur drei Filme sah: "Unknown", "The Forgiveness Of Blood" und Coriolanus". "Coriolanus" hat mich nicht nur wegen Ralph Fiennes interessiert, sondern weil es eine Shakespeare-Verfilmung ist. Es war also wieder berufliches Interesse, das mich in einen überfüllten Kinosaal zwang, denn eigentlich schätze ich die Ruhe von Nachmittagsvorführungen, aber daran ist bei der Berlinale nicht zu denken. Zumindest von der Zuschauerresonanz her, dürfte also auch die diesjährige Berlinale wieder ein Erfolg gewesen sein. Ein weiterer Film, den ich sah, war die albanische Vendetta-Geschichte "The Forgiveness Of Blood", gefilmt von einem US-Amerikaner, und schließlich die von einem Spanier verfilmte Berlin-Hommage "Unknown", die nicht nur für Berlin, sondern auch für den Technikstandort Deutschland wirbt. Sie wundern sich vielleicht, dass ich hier bis auf Fiennes die Regisseure nicht nenne, aber sie sind in diesem Zusammenhang nicht erwähnenswert. Nicht weil die Filme schlecht wären, sondern weil sie nicht besonders sind, auch wenn die Vendetta-Geschichte den Silbernen Bären für das beste Drehbuch erhielt.
In "Unknown" ging ich aufgrund einer Empfehlung im Berlinale-Blog von Andreas Borcholte auf Spiegel-Online. Es schien ein unterhaltsamer Film zu werden, war aber nur Durchschnittskost und wird mir einzig und allein wegen einer Nebenrolle, die eigentlich ein Chameo-Auftritt ist, in Erinnerung bleiben. Es war der Auftritt von Bruno Ganz. Bruno Ganz ist ein Phänomen. Ich sah ihn vergangene Woche bei der Präsentation von 'Scenario 5', dem von Jochen Brunow nun schon zum fünften Mal herausgegebenen Drehbuchalmanach, in dem Autoren in Essays und Interviews über ihre Arbeit berichten. Der Tenor der Autoren ist immer der Gleiche. Es ist das ewige, allerdings berechtigte Lamento über die Missachtung der Autoren vornehmlich durch Produzenten und Regisseure als fünftes Rad am Wagen der Filmproduktion, wo doch ohne Drehbuch gar nichts geht. Bruno Ganz sagte das gleich zu Anfang: "Ohne Autoren wären wir Schauspieler Nichts!" Das hat Größe. Danach las Ganz aus dem Almanach und an diese Lesung werde ich mich noch lange erinnern, denn dieser Mann strahlt eine Freundlichkeit und Wärme aus wie ein Heiliger. Deswegen nimmt man es Ganz auch nicht übel, wenn er in "Unknown" sagt, er wäre bei der Stasi gewesen und das mit Stolz. Nein, man versteht im Bruchteil einer Sekunde, das Drama von Leuten, die sich aus ehrlicher Überzeugung für die falsche Sache entschieden haben, und es bedarf eigentlich nicht des Gimmicks der Magenkrämpfe ausgelöst durch ein großes Glas Cognac, um diese Aussage zu ironisieren. Aber Andreas Borcholte kann nicht anders und hebt diese Metapher in seiner Kritik hervor. Kritiker lieben Metaphern im Film. Sie zu erkennen, zeichnet sie scheinbar als Kenner aus. Und so platziert Borcholte den Hinweis darauf ebenso, wie er es sich nicht verkneifen kann, ein bisschen Diane-Kruger-Bashing zu betreiben. Diane Kruger spielt in "Unknown" eine Illegale und sie ist mit Sicherheit nicht die begnadetste Darstellerin, aber sie macht ihre Sache mehr als gut, und vor allem, sie hat Ausstrahlung und das zählt auf der Leinwand! Aber Kritiker suchen sich ihre Lieblinge heraus. Die einen heben sie in den Himmel, auf den anderen hacken sie herum, und ein Schuss Häme passt gut zum Stil einer Kritik und besonders beim 'Spiegel' oder 'Spiegel-Online'. Dabei ist es mit dem filmischen Sachverstand der deutschen Filmkritiker nicht weit her, und Borcholte ist noch einer der Besseren, weil in seiner Analyse nüchterner. Denn die meisten Kritiker ergehen sich in ihren Kritiken oft in einem subjektivistisch, feuilletonistisch, kulturphilosophischen Geschwafel, für das der Film nur der Anlass ist, anstatt ihre Leser darüber zu informieren, was sie im Kino erwartet, bevor sie ihr Ticket gelöst haben. So hebt sich die deutsche Filmkritik in ihrer Bedeutung zunehmend selbst auf und wird in dieser Bedeutungslosigkeit nur noch von der Durchsichtigkeit der Preisvergabe durch die Berlinale-Jury übertroffen.
Die Berlinale ist ein politisches Festival und war es schon immer und das ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht jedes Filmemachers. Denn die Kunst des Filmemachens ist nicht, das rechte Thema zu wählen, sondern es richtig auszudrücken. Deswegen ist es Kunst. Sonst wäre es Politik. Aber das schert die Berlinale nicht. Es schert sie nicht, seit sie Eberhard Hauffs RAF-Drama prämierte, was die damalige Jurypräsidentin Gina Lollobrigida zu einer abweichenden Meinung bewegte, um nicht zuhause in Italien als Sympathisantin der 'Brigade Rosse' zu gelten. Das Dilemma zwischen Kunst und Politik scherte die Berlinale auch nicht, als sie "Solo Sunny" in den 80ern prämierte und russische Filme ins Programm nahm, um das politische Ost-West-Tauwetter zu unterstützen, und es scherte sie nicht, als sie aus dem selben Grund chinesische Filme zeigte und im selben Jahr einen goldenen Bären ex aequo für Beiträge der VR China und Taiwan vergab. Dieses Jahr stand der Dialog mit der muslimischen Welt im Mittelpunkt und so war der Iran dran und erhielt mit "Jodaeiye Nader az Simin" (Nader und Simin, Eine Trennung) von Asghar Farhadi den Goldenen Bären. Man sagt, der Film habe den Preis auch aus künstlerischen Gründen zu recht erhalten, aber das weiß man halt nicht, wenn es gleichzeitig politische Motive gibt. So werden nicht nur die Arbeiten der anderen Filmemacher entwertet, sondern auch die Arbeit des prämierten Filmemachers selbst.
Nicht bestreiten lässt sich angesichts der Umwälzungen in der muslimischen Welt allerdings, dass Dieter Kosslick einen Riecher für Zeitläufte hat. Aber Kosslick kommt ja auch aus der Politik und nicht vom Film. Angesichts der Tradition der Filmprämierungen auf der Berlinale bekommt so Kosslicks freudiger Ausruf "I told you, I told you!", mit dem er den iranischen Regisseur auf der Bühne des Berlinale-Palsts begrüßte, als er sie betrat, um seinen Preis entgegen zu nehmen, nicht unbedingt die Bedeutung von 'Ich hab's dir gesagt!", sondern eher von 'Ich hab's gewusst!". Man fragt sich dann woher. Aber das sind Spekulationen, an denen ich mich nicht beteiligen will.
Wenn es etwas wirklich Positives von der 61. Berlinale zu berichten gibt, dann ist es Folgendes: Angesichts eines lahmen Wettbewerbs und angesichts zahlreicher Filme, die in ihrer Erzählung im Situativen stagnieren, habe ich mehrfach und von verschiedenen Leuten gehört, sie würden mal gerne wieder eine richtige Geschichte auf der Leinwand sehen, mit einer richtigen Handlung, einen Film also, der nicht nur eine Geschichte hat, sondern sie auch erzählt. Dieser Wunsch des Publikums macht Hoffnung angesichts der vielen Befindlichkeitsdramen, durch die sich besonders die deutsche Filmproduktion des letzten Jahrzehnts ausgezeichnet hat.
Leider hat die Filmkritik diesen Trend noch nicht erfasst. Leider ist sie zu selbstverliebt und selbstbezogen. Anstatt den Lesern eine Orientierung zu geben, so dass sie sich selbst ein Bild von dem Film machen können, in den sie gehen wollen, verbleiben die Kritiken im Ungefähren der subjektiven Meinung. So kommt es häufig vor, dass man im Kino sitzt und einen Film sieht und sich fragt, ob der Kritiker nicht einen anderen Film, oder ob er diesen Film überhaupt gesehen hat.
Kein Berlinale-Blog und sei er noch so klein sollte schließen ohne wenigstens einen Film besprochen zu haben. Da man aber oft Kritiken liest von Kritikern, die den Film nicht gesehen zu haben scheinen, schreibe ich hier zum Abschluss über einen Film, der gar nicht gelaufen ist. Zumindest nicht auf dieser Berlinale.
Der Winter steht für den Tod und der Frühling für das Leben. Der Sommer steht für Lust und der Herbst für Melancholie. Wenn sich in amerikanischen Filmen das Laub der Bäume verfärbt, dann wird es politisch oder moralisch, und manchmal wird es sogar schön, wie in dem neuen Film von John Turteltaub „Phenomenon“.
George Malley (John Travolta) ist ein einfältiger KFZ-Mechaniker, der in einem kleinen Dorf in der Nähe von San Francisco eine Auto-Werkstatt betreibt. Jeder kennt jeden, und man hilft sich wo man kann. So ist das in amerikanischen Dörfern, und so ist das in amerikanischen Filmen, die in amerikanischen Dörfern spielen, bis etwas passiert. In diesem Fall passiert es George. An seinem 37. Geburtstag hat er eine Lichterscheinung, und fortan wird aus dem Einfaltspinsel ein Genie. Seinen väterlichen Mentor, der auch der Dorfarzt ist (Robert Duvall), schlägt er plötzlich im Schach. Seine schlaflosen Nächte verbringt er damit, dass er gleich mehrere Bücher liest. Er wird zum Spezialisten für Agrar- und Solartechnologie und knackt so nebenbei auch noch den Geheimcode der Air Force, den er über das Funkgerät seines Freundes Nate (Forest Whitaker) mitgehört hat (was Folgen haben wird). Den Code von Lace (Kyra Sedgwick), in die er sich verliebt hat, knackt er allerdings nicht. Lace zog mit ihren beiden Kindern von San Francisco aufs Land, um in ihr kompliziertes Leben Ruhe zu bringen, und ein Mann, vor allem ein Mann wie George, der plötzlich Erdbeben vorhersagen kann, stiftet da nur Unruhe. Die breitet sich auch langsam unter den Dorfbewohnern aus. Jemand, der in 20 Minuten Portugiesisch lernt und Füllfederhalter und Sonnenbrillen allein durch das Spiel seiner Finger in der Luft tanzen lassen kann, steht zwar heutzutage nicht mehr mit dem Teufel im Bunde, wird aber genauso behandelt. Dabei, sagt George, könne man an ihm nur sehen, welche phänomenalen Möglichkeiten in uns allen stecken würden. Doch was in George steckt, wünschen wir uns nicht. Die Untersuchungen der Ärzte bringen es ans Licht, und die wundersamen Fähigkeiten Georges finden eine einfache, medizinische Erklärung. George hat einen Tumor.
Damit steht die Kirche für die Leute wieder im Dorf. Wer sterblich ist, ist nichts besonderes. Doch das Besondere an George ist, dass er die schlechten Seiten seines Schicksals ebenso annimmt, wie er das Gute genommen hat, und dafür liebt ihn Lace. Als sie miteinander geschlafen haben, fragt sie ihn, ob er jetzt einschlafen würde, und er sagt nein. Dann wolle sie auch wach bleiben. Aber George sagt, er müsse jetzt gehen, und es wäre nicht schlimm, und dann schließt er die Augen, und uns wird es ganz warm ums Herz und ein melancholisches Gefühl steigt in uns auf - herbstlich eben.
Bis zur nächsten Berlinale. – Hagen Myller
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