Eine gewisse Tendenz

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Literatur

Über die Gegenwart meiner wie auch der allgemeinen Literatur

guidorohm_thumb_medium150_100Kaffee, Zigarette.


Ich bin ein Frühlingsmensch, auf jeden Fall keiner, der die übermäßige Hitze braucht, noch viel weniger aber den Regen, denn der Regen und die Kälte stürzen mich in Tiefen, die mich weder schreiben noch auf die rechte Art atmen lassen. Die Selbstzweifel sind eh immer da, kehren wieder, satteln mich wie ein zu zähmendes Pferd. Ich springe beständig zwischen den Polen Größenwahn und Selbstzweifel, denn darum schuf ich unter anderem die Pathologie, sollte sie doch zu einem Ort werden, der für das Geschriebene da ist; aber eben für alles Geschriebene, die gelungenen Stücke sollten ebenso darin vorkommen wie die missratenen Schmierereien. Der tägliche Ausblick ins Selbst formuliert sich mal besser, mal schlechter, aber darauf kommt es mir nicht an, sondern auf die Position, die durch den selbstauferlegten Zwang gefunden wird. Der Autor, der dann wieder ich bin, neigt zu Zuständen vollkommenen Glücks wie auch Momenten totaler Verzweiflung. Eigentlich kenne ich nur diese beiden Pole, ein Dazwischen gibt es selten. Damit kann ich manchmal leben, oft wünsche ich es mir anders, aber es sind eben auch diese Pole die das Schreiben ermöglichen. Die Pathologie ist wie ein öffentlich gemachter Schreibtisch, der am Ende natürlich doch wieder nicht alles offenbart, sei es, weil man die Menschen, die man liebt, schützen muss, aber auch, weil man sich selbst stets in der Inszenierung präsentiert, die zur Literatur nun einmal gehört. Und um Literatur geht es hier ja nun einmal.
Ich kann andere Autoren immer weniger lesen, zumindest den Großteil von ihnen und bin überrascht, wie viel Gutes im Netz aufzuspüren ist, natürlich auch wie viel Schlechtes; bei Facebook wird da manches verlinkt, da würde man gerne aufschreien, aber man lässt es, man beginnt es zu übersehen. Überhaupt ist die Literatur ein Scheißhaufen, der immer größer wird; am Ende zieht man sich wieder zu den altbekannten Schreiberlingen zurück, die eh schon lange im eigenen Bücherregal ruhen. Aber die Frage bleibt, wie viel Bedeutung hat die eigene Schreibe, eine Frage, die auftaucht wie ein Regenguss, den man rennend durchquert. Die Frage sollte einen einfach nicht mehr kümmern, weil das Interesse an Kunst und Literatur nicht vorhanden ist. Es gibt einen Literaturmarkt. Das ist die eine Seite dieser schäbigen Medaille. Aber das leidenschaftliche Interesse an einer Literatur, die selbst noch als Mittelpunkt des Lebens gesehen wird, ist erloschen. Da sollte man sich nicht täuschen lassen. Romane und Erzählungen spielen nur als Unterhaltungsware eine Rolle. Da muss man sich ja nur die Kataloge ansehen, die wie Schmeißfliegen ins Haus stürmen. Historische Romane über Wunderdoktoren oder Krimis über Serienkiller, die so interessant sind wie mein Hausarzt, lauter Bücher, die beständig produziert werden, damit man in größter Not sich wenigstens noch den Arsch damit sauber wischen kann. Und dann die Aufregung der Textproduzenten über den Bachmannpreis. Warum sie sich darüber aufregen? Sie haben ja die Antworten wie man verschissene Beschreibungsliteratur beständig produziert. Die schreiben so langweilig wie sonst keiner, meinen aber, weil sie sich ihre Nichtigkeit nicht eingestehen wollen, sie müssten ihre austauschbaren Texte zum Höchsten erklären. Also wird über das Experiment gewitzelt.
Der Mainstream beherrscht inzwischen alles, vor allem aber die Gedanken, die uns zu Totschlägern machen, da wird geprügelt auf jeden Autoren, der nicht beständig unsere Meinungen wiederkäut. Ob Martin Walser oder Handke. Anstatt anständig zu streiten, wird verbannt. Die Hexenverfolgungen enden nie. Und dann erst die jüngsten Meldungen zu einem Buch, das wohl die wenigsten gelesen haben. Man sollte mit dem Werfen der Steine wenigstens warten, bis man auch gelesen hat, was man so verächtlich abtut. Aber die Gutmenschen haben zu sehr Freude an der eigenen Gerechtigkeit. Die können einfach nicht warten.
Das Unsichtbare will beschrieben werden. Das sagte Thomas Bernhard.
Recht so!
Man kommt manchmal aus dem Kotzen gar nicht mehr raus, blickt man sich um. Drum sollte man sich entleeren, hinab auf das Papier, direkt in die Tastatur hinein.

Gezielter Schuß

guidorohmÜber den Kriminalroman

Der Kriminalroman, austauschbar wie ein ähnlicher Stein gegen den anderen, von den Verlagen mit Blutspritzern vermarktet, die an Ketchup erinnern, damit auch stets klar ist, um was es sich hier handelt, einen Burger, schnell verspeisbar, im Vorübergehen essbar, der Kriminalroman, der dieselbe Geschichte seit Jahren erzählt, der sich als Gattung nicht ernst nimmt, der von wenigen Autoren noch geknetet und geknechtet wird, der Kriminalroman, der die schäbigsten Schreiberlinge anzieht wie auch einige Wortschöpfer, der Kriminalroman, der auf dem Nachttisch liegt, um sich vor dem Traum ein wenig Angst in die Augen zu träufeln, der Kriminalroman, der als Roman schlechthin funktionieren sollte, so wie die Romane von Dostojewski, Dickens und Zola schlechthin funktionieren, der Kriminalroman, der sich nicht um Etikette scheren sollte, der sich aber dafür anstellt, einreiht, ruft, ich will aber auch ein Kriminalroman sein, der Kriminalroman, der nach Dreck und Straße, nach Derek Raymond, nach Handke, Botho Strauß, Hilbig, nach Spillane, nach de Sade klingen sollte, der Kriminalroman, der sich nicht in nüchternen Beschreibungsexzessen verlieren sollte, der sich nicht nur mit den Wohnungseinrichtungen aufhalten sollte, sondern auch mit der Inneneinrichtung des Kopfes, der Kriminalroman, der sich endlich wieder wichtiger nehmen sollte, viel wichtiger als er jemals zuvor war, der sich feiern sollte, weil er plötzlich in der Lage ist, sich zu vernichten und wieder aufzuerstehen ...

Den ganzen Text finden Sie ->  hier

Oberhausen 3.-5.9.: LiMESSE - Die 1. Libertäre Medienmesse

Gar nicht nur Mühsam ...

www.limesse.de


In einem der größten europäischen Ballungsgebiete mit mehr als acht Millionen Menschen, stellen vom 3. bis 5. September 2010 libertäre Verlage, Zeitschriften, Radio-, Video- und Internetprojekte ihr Programm vor. Drei Tage Messe, Projektvorstellungen, Lesungen, Kultur, Veranstaltungen, Infos, Leute treffen und Pläne schmieden für eine Welt jenseits von Krise und Ausbeutung. Dafür möchte die 1. Libertäre Medienmesse für den deutschsprachigen Raum (Limesse) einen Rahmen bieten.       

Die Messe

In der Konzerthalle des Jugend- und Kulturzentrums »Druckluft« stellen eine große Zahl libertärer Verlage und anderer libertärer MedienproduzentInnen ihre Bücher, Broschüren, Tonträger, Filme, Websites, Blogs und sonstige Medien der interessierten Öffentlichkeit vor. Von Freitag Abend bis Sonntag Mittag werden Projekte aus der BRD, der Schweiz, Österreich, Spanien, der Türkei und Großbritannien ihre Medien präsentieren und anbieten. Eine Übersicht über die teilnehmenden Projekte findet sich auf der Seite Aussteller. Für BesucherInnen ist der Eintritt zur Messe frei. Von den AusstellerInnen erheben wir einen geringen Unkostenbeitrag.


Öffnungszeiten

Freitag, 3. 9. 2010       18.00 - 21.00 Uhr

Samstag, 4. 9. 2010     10.00 - 20.00 Uhr

(Konzert: Einlass 20.00 Uhr - Beginn 21.00 Uhr)

Sonntag, 5. 9. 2010     10.00 - 16.00 Uhr

Das Veranstaltungsprogramm
Parallel zum und in Anschluß an den Messebetrieb finden auf dem Gelände des »Druckluft« in verschiedenen Räumlichkeiten eine Vielzahl von Veranstaltung im Rahmen der libertären Medienmesse statt. AutorInnen werden ihre Bücher vorstellen, Projekte ihre Arbeit zeigen, erläutern und diskutieren. In Zusammenarbeit mit der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft „Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union“ (FAU) wollen wir außerdem über die zunehmend prekären Arbeitsbedingungen von (nicht nur) Medien-ArbeiterInnen sprechen. Eine kleine Auswahl von Veranstaltungen findet sich auf der Seite Programm.

Drumherum
Am Samstag Abend wird im Rahmen der Libertären Medienmesse ein Konzert von »Anarchist Academy« stattfinden. Im Anschluss werden DJs aus der Region auflegen. Während der Messe bietet »Le Sabot« Essen für das leibliche Wohl der BesucherInnen. Für Kaffee, Kuchen und Getränke während der gesamten Messezeit ist ebenfalls gesorgt. Um Unterbringung kümmert ihr euch selbst – wir haben als Hilfestellung einen kleinen Überblick potentieller Übernachtungsmöglichkeiten in der Region zusammengestellt. Auf der Seite „Vor Ort“ findet ihr außerdem weitere Infos zum Veranstaltungsort und zur Anreise.

Die OrganisatorInnen
Die Libertäre Medienmesse wird organisiert von einer Gruppe von Medien-, Sozial- und GewerkschaftsaktivistInnen aus dem Ruhrgebiet, dem Rheinland und dem Niederrhein. Die Limesse ist ein Non-Profit-Projekt. Die LiMesse versteht sich als Teil einer widerständigen Kultur gegen die industriegesponserte Kommerz- und Schönwetterkultur des offiziellen europäischen Kulturhauptstadtprojektes „Ruhr 2010“. Die OrganisatorInnen der „Libertären Medienmesse“ beteiligten sich in diesem Rahmen u. a. am EUROMAYDAY 2010 in Dortmund und empfehlen zum Thema den Blog der AG kritische Kulturhaupstadt.Ihr könnt euch unter contact{ät}limesse.de mit der  Vorbereitungsgruppe in Verbindung setzen.


VERANSTALTUNGSPROGRAMM

Im Rahmen der Libertären Medienmesse wird es eine Vielzahl von Veranstaltungen geben. AutorInnen werden aus ihren Büchern lesen und diese vorstellen und Projekte werden ihre Arbeit präsentieren. Auf dieser Seite findet sich der jeweils aktuelle Stand des Veranstaltungsprogramms. Aufgrund der Vielzahl von Präsentationen, laufen Veranstaltungen parallel. Diese Übersicht wird laufend ergänzt und erweitert.

Freitag
, 3. September 18:15 - 19:00 Uhr

Gibt es „Anarchistische Verlage“?

Die Buchbranche und Kapitalismus.

Andreas W. Hohmann



19:15 - 20:00 Uhr

Anarchismus & Internet

Jünger/in Datans



20:15 - 21:00 Uhr

Arbeitskampf im Internet

Das Projekt chefduzen.de

Markus Lawrenz



Samstag, 4. September



12:00 - 12:45

Betriebsbesetzungen: Arbeiterwiderstand

gegen die Pläne des Kapitals

Rainer Thomann



13:00 - 13:45

Polyamory

Thomas Schroedter



13:15 - 14:00 Uhr

Das Free! Projekt

FREE!Aktivist/in



14:00 -    14:45

Sober Living for the revolution

Gabriel Kuhn



14:15 - 15:00 Uhr

Das Kommune-Projekt Burg Lutter

Martin Kinzig



15:00 - 15:45 Uhr

Die Abel Paz Biographie

Andreas W. Hohmann



15:15 - 16:00 Uhr

Autonome Perspektiven

ak wantok



16:00 - 16:45 Uhr

Anarchistische Gedichte

Mayerbeetle



16:15 - 17:00 Uhr

Freiheit und Gerechtigkeit

Die Geschichte der Ukraine aus libertärer Sicht

Danyluk



17:00 - 17:45 Uhr

Der libertäre Widerstand der Libertären Jugend Spaniens gegen das Franco-Regime (1939-1969)

Folkert Mohrhof



17:15 - 18:00 Uhr

Gustav Landauer

Siegbert Wolf



18:00 - 18:45 Uhr         

Gegen 1000 Kreuze

AK »Gegen 1.000 Kreuze«



18:15 - 19:45 Uhr

Die »Fundación Anselmo Lorenzo« (FAL) stellt ihren Verlag und ihre Archiv vor.

Fundación Anselmo Lorenzo, Madrid



19:00- 20:30 Uhr

170 Jahre Anarchismus, 38 Jahre Graswurzelrevolution

Bernd Drücke



Sonntag, 5. September




13:00 - 13:45 Uhr

Das Schlachten beenden!

Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen

Lou Marin        



14:00 -16:00 Uhr

Workshop Statuentheater

Kein Grund zu beten

lilljaeckelamen, amen


„amen, amen“ ist kein Buch im üblichen Sinne. Es fängt nicht an, es hört nicht auf. Es besteht aus Wirklichkeitsfetzen und ist am ehesten jenen Momenten vergleichbar, die man z.B. in einer vollen U-Bahn erleben kann: Man hört den Gesprächen der anderen Fahrgäste zu, wechselt den Fokus, kehrt sich von den engagierten Praktikanten im dem Stockhomsyndrom des Kapitalismus ab und jenen zu, welche die Reinheit germanischer Kulturgüter mit der konzentrierten Dummheit des Nationalisten retten wollen, dann wieder hört man die Gesprächsfetzen ewiger Hausfrauen, immerwährender Hausmeister – dieser höchst nervtötenden Spezies von Besserwissern und Ordnungsliebhabern -, um danach Liebeskummersymphonien zu lauschen.

So ist dieses Buch. Und deshalb ist es auf eine merkwürdige Art immer wahr und gänzlich unendlich. Man kann es irgendwo aufschlagen und beginnen zu lesen. Man kann die längeren Abschnitte im Stück zu sich nehmen, aber man muss nicht. Man kann jederzeit von Absatz zu Absatz, von Segment zu Segment springen. Nichts geht verloren, alles bleibt. Und es bleibt auf einem Sprachniveau, dessen Höhe ich so oft bei neuer Literatur vermisse. Einem jeweils angepassten Bild aus Wörtern, aus der Art der Sätze.

Lilly Jäckl hat mit diesem Buch vielleicht auch einen Weg in eine reformierte Darstellung von Wirklichkeit gewiesen. Dabei bleibt das Buch durchgängig politisch, verliert sich nie in Sinnlosigkeiten und ist, hat man es kreuz und quer gelesen, eines ganz sicher nicht: Postmodern. Denn am Ende bleibt: Alles ist erkennbar. Aber das wussten wir schon. Wir in der U-Bahn.


Amen, amen; Lilly Jäckl, Bibliothek Belletristik, J. Frank Verlag, Berlin, ISBN 978-3-940249-35-7; 24,90 Euro

Das kommt mir gar nicht spanisch vor

pasaia-grPahl-Rugenstein

Z U B I A K  -  B A S K I S C H E    B I B L I O T H E K

Es ist ein besonderes Verdienst des Pahl-Rugenstein-Verlages mit „Zubiak“ baskische Literatur in guter Übersetzung dem deutschsprachigen Publikum darzubieten.

Sechs Bände sind bislang erschienen. Belletristik allesamt, jedoch keiner, der etwa ein sogenanntes unpolitisches Bild zeichnen würde. Im Gegenteil: Die Literatur, die Pahl-Rugenstein uns offeriert ist in hohem Maße politisch und bezieht Stellung. Sie tut dies in vielfältiger belletristischer Form: Da gibt es Krimis ebenso, wie dramatische Schilderungen von Lebenswirklichkeiten.

„Pasaia Blues“ ist eine Art von Kriminalroman, der jedoch in sich mehr ist. Cesar Telleria, der Fahnder, einem ETA-Kommando auf der Spur und zugleich verloren in der eigenen Abgesondertheit, einsam mit sich selbst, der Physiognomiker, der in der Lage ist in anonymen Menschenmassen Individuen aufgrund ihrer Gesichtszüge und Gesten zu erkennen; die Mitglieder des ETA-Kommandos, ausgesetzt dem unentwegten Verfolgsdruck und der immer währenden Angst vor Verrat aus den eigenen Reihen – sie bilden vor der Kulisse einer niedergehenden Industrielandschaft, vor den tristen Lebenswirklichkeiten der Menschen eine groteske Einheit.

Nicht selten erinnert die Art der Erzählung an lateinamerikanische Literatur. Hundert Jahre scheint die allgegenwärtige Einsamkeit zu dauern. Mystisch, aber nicht auf eine esoterische Art und Weise, sind die Situationen, surreal die Menschen und ihr Handeln.

Harkaitz Cano, der Autor des Buches, 1975 in Lasarte-Oria geboren, erhielt für seinen Erzählband Neguko zirkua (Wanderzirkus) 2006 den Preis der spanischen Literaturkritik. Er hat u.a. Allen Ginsberg ins Baskische übersetzt.

Pasaia Blues; Harkaitz Cano, Pahl-Rugenstein-Verlag, ISBN 978-3-89144-422-1, 18,90 Euro

http://zubiak.de

Blut ist ein Fluss

Blutfluss72Verbrechen lohnt sich, fragt sich nur für wen

Ich möchte an Ihr Herz! Ich möchte Ihnen dort etwas nahelegen. Ein Buch, dass ich nie gelesen hätte, hätte der Autor mich nicht gebeten, einen Blick hineinzuwerfen. Der Blick hat einige Stunden gedauert. Dann verfluchte ich das Buch. Es hörte auf. Das war ein unfreundlicher Zug von ihm.

Es handelt sich um einen Krimi. Um was es geht, kryptisch genug darlegt, so dass sie es noch lesen müssen, sagt der Klappentext, den ich einfach übernehme: „Am Ufer eines Flusses findet man die Leiche eines Jungen: Das jüngste Opfer eines Serienmörders, der seit Monaten Angst verbreitet. Die örtliche Polizei ist überfordert, zumal sich der Polizeichef nicht nur mit diesen Morden herumschlagen muss, sondern auch mit seinem ‚Thronfolger‘ Martin Oliver. Und während der Krimiautor Tom Torn an seinem neuen Roman arbeitet, haben alle nur eine Forderung: Die Spirale der Gewalt weiter anzuziehen.“

Mir kommt es auf den Autor und seine Sprache an. Da kann nämlich einer – und das ist selten, glauben Sie mir – über das normale Maß, über die allgemeine Mittelmäßigkeit hinaus schreiben. Mit Sätzen, mit Wörtern, die immer der Situation angemessen sind, die in die Geschichte hineinziehen.

Der Schuss zerfetzte sein Gesicht. Der Kopf wippte aufgeregt hin und her. Als könnte er sich nicht zwischen Zustimmung und Ablehnung entscheiden. Fleischbrocken flogen in alle Richtungen. Der Rest des ehemaligen Gesichts war kaum noch zu indentifizieren. Eingedrückt. Nur noch Reste von Knochen, Fleisch, Knorpel und Haut. Das war kein Gesicht mehr. Das war ein blutiger Brei.“ So schreibt Guido Rohm und auch so: „Und dann verfiel Pat wieder einmal auf die sonderbare Idee, in den Stall zu gehen, sein Pferd zu erschießen und sich aufzuhängen. Dieser Idee hing er in letzter Zeit immer öfter nach. Wurde förmlich zu einer Mani. Zu einem Zwang. Manchmal konnte er sich kaum dagegen wehren. Spürte die Kraft in seinen Beinen und den ernsthaften Willen es zu tun.“

Mit dieser ungeheuren Konzentration auf das Wesentliche von Situationen, mit dieser gebündelten Sprachkraft schafft es Guido Rohm jede gefährliche Klippe von Länge und Langeweile zu umschiffen. Da ist nichts zu viel – und was noch schlimmer wäre: da ist nichts zu wenig.

Guido Rohm ist ein guter, ein großartiger Autor, und wenn er weiter schreibt mit dieser Stärke, dann wird er einer der großen deutschsprachigen Schriftsteller werden. Einer der einen Krimi schreiben kann und dabei kein Genrebuch abliefert, sondern Literatur, gute Literatur. Kaufen Sie sich das Buch. Und achten Sie auf den Autor. Man wird noch von ihm hören. Ach, was! Man muss noch von ihm hören. Die deutschsprachige Literatur braucht ihn.

Blut ist ein Fluss - Seeling Verlag

ISBN: 978-3-938973-12-7
198 Seiten, 13 x 20 cm
Broschur
Preis: 12.- Euro (D)

Erich Köhler Poetik Veranstaltung

erich1993Erich Köhler Poetik Veranstaltung
am 14. August ab 11 Uhr
in 15913 Alt Zauche, Siedlungsstraße 17
Erich Köhler Haus


Erich Köhler gehörte zu den herausragenden Schriftstellern der DDR. Sein umfangreiches Gesamtwerk, wird durch den Kulturmaschinen Verlag nach und nach wieder aufgelegt, resp. erstmalig veröffentlicht.

Programm:

Begrüssung und musikalische Umrahmung
Vorstellung des Erich Köhler Hauses, des Lebens und Werks Erich Köhlers
Vorstellung des Arbeitskreises Poetik Initiative Menschwerdung II
Lesung aus dem letzten unveröffentlichten Werk „Menetekel“
Gedichte vom Dichter selbst rezitiert
Vorstellung des Kulturmaschinen Verlages
Lesung aus „Sture und das deutsche Herz“ durch Leander Sukov
Lesung aus „Radauer oder Aufstieg und Fall von Politanien“ durch Simone Barrientos Krauss
Diskussion und Gespräche
Offenes Ende

Der zum Ewigen umkehrt

Anmerkungen zu Benjamin Steins Roman "Die Leinwand"
Die Weisen waren der Ansicht, daß nicht nur bei der Geburt
eine auf Rückkehr in die Welt wartende Seele in einen neuen
Körper übergehen kann, sondern auch während der Tevila
eines Konvertiten. In gewisser Weise, meinte Ariel, gelte
dies auch für einen, der zum Ewigen umkehrt.

>>>> Dieses ist ein guter Roman.
alban_web_standardIch meine dies durchaus unspöttisch im Sinn des „guten Buches”, das jemand zur Hand nehmen möge; ich meine es aber auch sowohl wegen der Spannung, die >>>> Benjamin Stein aufzubauen versteht, wie aufgrund des für mich eigentlichen, im Wortsinn, Kunst-Stücks dieses Buches: die zumindest m i r völlig ferne Lebenswelt festen jüdischen Glaubens präzise und plastisch, vor allem, und zwar warmherzig, als eine gegenwärtige Normalität zu vermitteln. Nicht ein Gran eiferischen Überzeugenwollens fällt über die Leser einher. Dabei ist „Die Leinwand” als gläubiges Buch durchaus streng; es macht aus seiner Sympahie für die Orthodoxie keinen Hehl, ja weiß sogar westlichen Auffassungen über Freizügigkeit, namentlich der Erziehung, sein sehr Kluges entgegenzusetzen. Dafür steht Nathan Bollag, eine der klarst umrissenen Figuren dieses Romans. Insofern er sich der Kenntnis von Künsten verschrieben hat, ist er geradezu ein Repräsentant des gebildeten, aber nicht assimilierten europäischen Juden. Vermittels einer großartigen Metapher weiß er seinem Neffen und unsSteinDieLeinwandZichroni das rechte Verhältnis von orthodoxer Gläubigkeit und den weltlichen Einschlüssen darin zu demonstrieren. Bollag ist nämlich Juwelier, und er liebt >>>> Demantoiden.Die Farbe des Steins war intensiv, klar und völlig gleichmäßig. Ich betrachtete die Einschlüsse, ein Bündel feinster, goldener Härchen, die allesamt aus einem Punkt entsprangen und sich zu einem leicht in sich verdrehten Bündel auffächerten. Drehte man den Stein im Licht, schien es, als wären Funken eines Feuerwerks in ihm eingefangen und erstarrt (…).
Er ist schön, sagte ich (…).
Ja, sagte mein Onkel (…). Wie viel Raum, fragte er, nimmt das Chrysolith ein in diesem Stein? (…) Nicht ein Viertel? fragte mein Onkel: Könnte es nicht ein Viertel sein oder noch mehr?
Auf keinen Fall, erwiderte ich (…).
Das denke ich auch, sagte Onkel Nathan: Der Eindruck fliegender Funken könnte nie entstehen, hätte der Einschluß nicht genügend Raum inmitten des Grüns. (…)”
Auf diese feinsinnige, sehr oft parabelhafte Weise, die durchaus der orientalischen Erzählung von Moral entspricht - immer hat sie etwas mit Deutung zu tun und vergleichsweise wenig mit Weisung -, werden einige Male mehr die Kriterien eines angemessenen Verhaltens beleuchtet.

Die gesamte Rezension finden Sie hier

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