Klare Kante. Kapitän Schwandt und mein Großvater kannten sich gar nicht.

Ich hoffe, Sie werden mir verzeihen, wenn ich die Rezension über „Klare Kante – die Besten Kolumnen von Kapitän Schwandt“ gar nicht mit einem Blick ins Buch beginne, sondern mit meinen Kindheitserinnerungen.
Ich bin bei meinem Großvater aufgewachsen. Er hat die ethischen und moralischen Grundlagen gelegt. Ich kann mich genau erinnern, dass ich mit ihm die Langenfelder Straße in Richtung des Schulterblatts herunterging und wir einem dunkelhäutigen Mann begegnen. „Sieh mal ein Neger“, rief ich. Das war, ich bin jetzt schon ein Herr in den besten Jahren, damals keine unübliche Bezeichnung. Aber mein Großvater beugte sich herab zu mir und machte mir klar, dass man Neger nicht sagen solle, denn das verletze den anderen. Man solle fragen, wo einer herkommt, wenn man es schon wissen will. Und so stiefelten wir dem Mann hinterher und mein Großvater fragte: „Mein Enkel würde gerne wissen, woher sie stammen“. „Aus Barmbek“, antwortete der Mann und mein Großvater sagte ohne mit der Wimper zu zucken zu mir: „Siehste, der kommt gar nicht aus Niger, der kommt aus Barmbek“. Das habe ich mir gemerkt und natürlich vieles mehr.
Mein Großvater war im ersten Weltkrieg Matrose. Zunächst auf einem U-Boot und dann auf einem Schlachtschiff. Er hat am Matrosenaufstand teilgenommen. Ein aufrechter Sozialdemokrat war er, ohne nach dem Krieg in der SPD Mitglied zu werden. Aber die Art blieb, die Weise mit sich und der Welt umzugehen. Mein Großvater war ein kantiger Mann und ein drahtiger Typ. Noch mit Mitte Siebzig konnte er einarmige Klimmzüge an dem Turngerüst hinlegen, das er für mich und meine Kumpel in seinem Kleingarten gebaut hatte; der lag zwischen der Langenfelder und der Kieler Straße und musste später einem hässlichen Neubaugebiet weichen.
Mein Großvater war auf eigentümliche Art Seemann geblieben. Vielleicht lag es daran, dass er vor der Zeit bei der kaiserlichen Marine schon als Kedelklopper* gearbeitet hatte. Die See blieb in ihm, wie eine große Erinnerung, eine mit Kavenzmännern und dunklen Nächten, mit dem Zwang sich auf andere verlassen zu müssen und der eigenen Hingabe an jene Verlässlichkeit, die auch die Schiffskameraden erwarteten. Das Leben, vielleicht auch schon die Seeschlacht von Skagerrak hatte Furchen in das Gesicht meines Großvaters geschlagen. Gebeugt hatte es ihn nie.


Als ich den Kolumnen von Kapitän Schwandt begegnete, im Netz übrigens, weil ich die Hamburger Morgenpost nur bei meinen seltenen Besuchen in Hamburg lese, begegnete ich einem Mann, mit dem mein Großvater gern schweigend bei einer Buddel Bier in seinem Garten unter dem großen Boskopp-Baum gesessen hätte und vermutlich hätten sie sich ohne viele Worte gut verstanden. Da schienen die Werte meines Großvaters durch jede Zeile. Die Gradlinigkeit und die Aufrichtigkeit, die Ruhe auch, dieses „Nu mal sutje, mien Jung“**, das ich oft von ihm gehört habe. Aber die Ruhe war eben kein Verzögern, kein Zurückschrecken und keine Faulheit, sondern das bedachte Herangehen an die Dinge, die getan werden mussten.
Dazu gehörte auch, dass ein Fremder nichts ist als unbeschriebenes Blatt, dem man weder Vorurteile über die Herkunft, noch Ressentiments über Aussehen oder Beruf anhängt. Erst wenn man nicht weiß, mit welchem Menschen man es zu tun hat kann man ihn nach den eigenen Maßstäben bewerten. Großvater waren alle Menschen erst einmal gleichviel wert. Ob er sie für „bregenklöterich“ oder gute Kerle hielt, entschied er, wenn er sich für ausreichend sicher zur Bewertung befand, nicht vorher. Vielleicht auch deshalb fühlte ich sofort eine ganz persönliche Nähe zu Schwandt. Das ging über die Qualität des Schreibens und die Güte des Inhalts hinaus. Da sprach jemand zu mir und teilte mir mit, dass die Werte, mit denen und in deren Sinn ich erzogen worden bin nicht verloren sind. Schwandt ist ja die Generation zwischen meiner und der meines Großvaters. Jene also, die durch den Zweiten Weltkrieg geprägt wurde und nicht durch den Ersten, die die Bombennächte erlebt hat und die von der Schuld ihrer Elterngeneration wusste. Dass es da das Gute noch gab zwischen all den Verbrechen und dass dieses Gute gute Menschen formte, wie es Kapitän Schwandt einer ist, auch davon berichtet das Buch.
Wie konkret auch die Stellungnahmen Autors sind, sie gehen immer weit über den Anlass hinaus. Sie sagen: „Nu mal sutje, mien Jung“ und sie sagen, dass unsere Welt Solidarität und Offenheit braucht – und nicht Egoismus, Gier, Nationalismus und Rassismus. Schwandt hat in vielen Kolumnen den Gegenentwurf zu Pegida und AfD geschaffen, aber auch zu Profitgier und Belanglosigkeit im Miteinander.
In jeder Generation gibt es solche Leute. Und es gab sie auch immer. Es sind wenige. Sie müssen klare Kante zeigen, denn jede Gesellschaft braucht sie: Die, die Kurs halten. Wie Kapitän Schwandt und mein Großvater – und, so hoffe ich, auch ich.

Klare Kante, Kapitän Schwandt, Ankerherz Verlag, Format 15,5 x 21,5 cm, ISBN: 978-3-945877-18-0, Hardcover, 20 €

* Kedelklopper: Kesselklopfer, die den Kesselstein aus den Kesseln der Dampfschiffe „klopften“.
** „Nun mal immer mit der Ruhe, mein Junge“.


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Leander Sukov

Schriftsteller, wohnt in Ochsenfurt. Studium der Volkswirtschaft (unvollendet). Geschäftsführer und Prokurist bei Unternehmen in Hamburg und Berlin. PR-Manager und Kulturjournalist. Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller und des PEN Zentrums Deutschland.