Philosophische Opposition gegen Hegel und seine Schüler

Das 1844 erschienene Werk « Der Einzige und sein Eigentum » eines gewissen Johann Kaspar Schmidt, besser bekannt unter seinem Pseudonym Max Stirner, erhitzte zur damaligen Zeit die Gemüter und provozierte Denker wie Ludwig Feuerbach und Karl Marx zu prompten Gegenreaktionen. Entgegen der langläufigen Ansicht, dass es sich bei jenem Werk lediglich um ein kurzes Strohfeuer handelte, hält sich bis heute das Interesse an jener « Bibel der Freiheit » (John Henry Mackay). Mehr noch als das, es ist mittlerweile Pflichtlektüre und Prüfungsgegenstand in der Deutschlehrerausbildung in Frankreich.

Die Rezeption Stirners verlief und verläuft wellenartig. Nach dem Abflauen des ersten Schocks nach dem Erscheinen, erlebte das Werk im Rahmen der Entdeckung der Philosophie Friedrich Nietzsches im ausgehenden 19. Jahrhundert und dann auch nach dem I. Weltkrieg weitere bedeutende Höhepunkte. Der letzte große Hype war sicherlich im Zuge der Neuaneignung anarchistischen und sozialistischen Denkens im Rahmen der sog. 68er Bewegung.   

In den 60er und 70er Jahren erschienen dann auch wegweisende Studien zu Max Stirner. Die wichtigsten waren die Arbeiten von Wolfgang Eßbach (Die Bedeutung Max Stirners für die Genese des historischen Materialismus: zur Rekonstruktion der Kontroverse zwischen Karl Marx, Friedrich Engels und Max Stirner,1978), Hans G. Helms (Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, 1966) und natürlich Bernd Kast (Die Thematik des « Eigners » in der Philosophie Max Stirners, 1979). Die Studie von Bernd Kast, seine damalige Dissertation, ist nun knapp 40 Jahre nach der Verteidigung in einer überarbeiteten Neuauflage erschienen.

In dieser, für die internationale Stirnerforschung damals wie heute grundlegenden Schrift analysiert er fundiert die Thematik des Eigners in Stirners Werk unter der Einbeziehung seiner sog. kleineren Schriften Stirners, d.h. er bezieht auch häufig ignorierte Zeitschriftenkorrespondenzen und auch die noch weniger rezipierte Examensschrift « Über Schulgesetze » (1834) aus der Zeit vor und nach seiner prinzipiellen Schrift « Der Einzige und sein Eigentum » mit in seine Untersuchung ein – und stellt sich damit gegen die gängige These, dass Stirner sich auf sein Hauptwerk reduzieren ließe. In diesem Kontext liefert er auch weitere Argumente gegen die mutmaßliche Autorenschaft Stirners an dem Text « Die philosophischen Reaktionäre. Die modernen Sophisten von Kuno Fischer » (1847), der unter dem Pseudonym (?) G. Edward erschien und wahrscheinlich erstmalig von Arnold Ruge Stirner zugeschrieben wurde. Die Zuschreibung als Autor jener Schrift ist nach wie vor umstritten – und dürfte aber mit den neuen Erkenntnissen von Bernd Kast als mehr als unwahrscheinlich gelten.

Das Vorgehen seiner Untersuchung ist eine “historisch-kritische Darstellung der Eigner-Thematik” (S. 17).  Sein Zugang ist dabei geprägt von dem Postulat, dass Stirners Philosophie oppositionelle Philosophie sei, die in Opposition zu G. W. F. Hegel und dessen Schülern steht (vgl. ebd.).

Letztendliches Ziel ist es dann, die « positive philosophische Leistung » Stirners herauszuarbeiten und zu würdigen. Diese wurde häufig in der Rezeptionsgeschichte verneint.

Das beabsichtige Ziel seiner Arbeit ist

1. eine systematische Gesamtdarstellung der radikalisierenden Tendenzen der Philosophie Max Stirners (…)

2. die Erarbeitung der ‘Eigner’-Thematik als Zentrum seiner Philosophie und die damit einhergehende Genese des Eigners

3. die Würdigung der positive philosophischen Leistungen Stirners, nämlich die Herausbildung eines über den Individualismus hinausgreifenden ‘Egoismus’ als Ausdruck der Bedürfnisse des konkreten Einzelnen und die Gegenwendung zu Hegel und Feuerbach” (S. 31f.)

Er analysiert in diesem Rahmen auch die konstituierenden Merkmale, die den Eigner ausmachen – u.a. den (Eigen-)Willen oder Stirners häufig fehlinterpretierte Konzept von “Egoismus”.

Bernd Kast ist zweifellos einer der besten Kenner der Materie und beschäftigt sich seit seiner Dissertation bis heute mit der Philosophie Max Stirners und dessen junghegelianischen Umfeld. Er war zeitweilig der Vorsitzende der Max Stirner Gesellschaft und Herausgeber des Jahrbuchs der Gesellschaft („Der Einzige“). Seine Arbeit über Stirner bietet den, zur Zeit wohl besten Überblick über das Werk und die Philosophie Max Stirners. Es ist eine sehr gute Basis, um Stirner auch unter dem Gesichtspunkt der Vorwegnahme des Existentialismus bzw. als proto-anarchistischen Denker weitergehend zu diskutieren. 

Neben jener Studie liegt die mittlerweile dritte, überarbeitete Auflage der von Bernd Kast herausgegebenen Studienausgabe von Stirners « Der Einzige und sein Eigentum » (vgl. http://cultureglobe.de/max-stirner-studienausgabe/) beim Karl Alber Verlag vor.

Bernd Kast : Max Stirners Destruktion der spekulativen Philosophie . Das Radikal des Eigners und die Auflösung der Abstrakt Mensch und Menschheit, Verlag Karl Alber Freiburg/ München 2016, ISBN : 978-3-495-48839-3, 357 S., Preis: 49,99 €.

 


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Maurice Schuhmann

Dr. Maurice Schuhmann ist Politikwissenschaftler – mit Schwerpunkt in den Bereichen Politische Ideengeschichte und Politische Soziologie – und Ethiklehrer. Er lehrt derzeit als Lehrbeauftragter an den Universitäten FU Berlin, Universität Hamburg und Universität Stuttgart sowie an der Grone Schule in Berlin.