Piep, piep, piep – Anarchist*innen und Trotzkist*innen habt euch lieb!

ra-bildWir fragen dich nicht nach Verband und Partei // bist du nur ehrlich im Kampf mit dabei”, sang einst der rote Orpheus Ernst Busch. In der bisherigen Geschichte stellten sich kommunistische Brüderküsse leider häufig als Judasküsse heraus. Sicherlich sind auch nicht die Anarchist*innen immer Heilige, aber zweifellos ist bislang jedes historische Bündnis von Anarchist*innen mit Staatskommunist*innen – ganz gleich auf welchen Propheten des Marx’schen Evangeliums sie sich berufen haben – schief gegangen und das häufig auf Kosten der Leben und der Freiheit von Anarchist*innen.

Beide Strömungen ihre Wurzeln in der Aufklärung, der französischen Revolution und dem Frühsozialismus, aber die Entwicklung ist diametral entgegengesetzt verlaufen. Die von Johann Most als “feindliche Brüder” titulierten Strömungen haben nicht einen leichten Familienzwist, wie von vielen naiven Aktivist*innen angenommen, sondern eher ein biblisches Kain-Abel-Verhältnis.

Nichts destotrotz kam es immer wieder zu versuchen, marxistische und anarchistische Positionen – unter Ignoranz wesentlicher Widersprüche – zu vereinen oder zumindest anzunähern. Die bekanntesten Vertreter*innen jener Tendenz waren Karl Korsch, Daniel Guerin, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und John Holloway. Die postmoderne Beliebigkeit bietet der Konstituierung von Flickenteppichideologien einen neuen Nährboden und last diese Idee vielerorts gut gedeihen.

Einer der neueren Versuche der familiären Annäherung stellt das anlässlich des 150. Geburtstages der ersten IAA erschienene Pamphlet “Revolutionäre Annäherung. Unsere roten und schwarzen Stern” von den beiden französischen (ex-?)Trotzkisten Olivier Besancenot und Michael Löwy dar. Sie wollen den Samen für einen libertären Marxismus legen, den sie u.a. bereits in der umstrittenen Gruppe Alternative Libertaire, einer mit staatskommunistischen Ideen liebäugelnden Abspaltung der Fédération Anarchiste, sowie der trotzkistischen Nouvelle Parti Anticapitaliste (NPA) wiederzufinden glauben.

Das Ergebnis dessen ist mehr als dürftig und weitgehend einfach nur ärgerlich. Dies beginnt im Vorwort, wenn versucht wird, die Pariser Commune als gemeinsames Projekt von Anarchist*innen und Marxist*innen zu lesen. Abgesehen davon, dass sich Marx’ Position in der Folge der Erfahrung der Commune geändert hat, stand das Aufkommen dieser konträr zu seinen bis dato vertretenen Anschauungen. Ebenso ist der Ansatz, ein Bündnis von Marxist*innen und Anarchist*innen, basierend auf der Begeisterung für den Aufstand der Zapatist*innen in Mexiko zu schmieden, ziemlich dürftig.

Im ersten Abschnitt des Buches unter dem Titel “Solidarische Annäherungen” widmen sich die beiden Autoren einer idealisierten Darstellung der IAA, der “Märtyrer von Chicago”, der Charta von Armiens, der spanischen Revolution und der globalisierungskritischen Bewegung. Gerade in der Darstellung der spanischen Revolution werden einige Mankos deutlich. Es kommt zu einer Idealisierung der POUM, wie sie in linken Kreisen seit Ken Loach’ Film üblich ist – in völliger Verkennung anti-anarchistischer Positionen jener Partei vor dem Bürgerkrieg. Ignoriert wird z.B. die öffentlich von den Führern jener Partei vertretene Position, dass ein Anarchist*innen-freies Spanien wünschenswert wäre. Das Trostpflaster, dass die Parteigründer ja selber mal Mitglieder in der CNT waren ist als Argumentation mehr als dürftig, da ja auch einige führende Politiker der stalinistischen Kommunistischen Partei Spaniens ursprünglich aus der CNT kamen.

Weiter geht es mit Persönlichkeiten wie z.B. Louise Michel, Buenaventura Durruti, Rosa Luxemburg oder Subcommandante Marcos. Was haben Louise Michel und Emma Goldman aber mit dem Marxismus am Hut? Es fehlt auch eine Thematisierung dessen, dass der Führungskult um Durruti ein originär kommunistisches Propagandaerzeugnis ist. Die Frage, was Subcommandante Marcos zum Anarchisten oder Marxisten macht, bleibt offen. Der Antianarchismus von Luxemburg wird weiterhin von den Autoren heruntergespielt, um ihre Vorstellungen von Spontanität zu einem Anknüpfungspunkt zu machen.

Der zweite Abschnitt widmet sich gemeinsamen Kämpfen – à la Russische Revolution – unter Einbeziehung der Ereignisse von Kronstadt. Hierin zeigt sich auch noch die anhaltende Verhaftung im Trotzkismus. Trotzki wird zwar wegen seines militärischen Vorgehens kritisiert, gleichzeitig findet sich redundant der Versuch, sein Vorgehen zu rechtfertigen und damit teilweise zu entschuldigen.

Locker-flocking geht es dann weiter zu “Marxistisch-libertären Theoretiker*innen”, d.h. Walther Benjamin, Daniel Guerin, André Breton. Karl Korsch, Cornelius Castoriades oder Cohn-Bendit hingegen, die hier von Relevanz wären, werden völlig ignoriert.

Im vierten Abschnitt werden kurz und bündig die “politischen Fragen” abgehandelt – sei es “Individuum und Kollektiv” oder “Die Revolution machen, ohne die Macht zu übernehmen?”. Hier werden ein paar altbekannte Fakten präsentiert. So wird u.a. mal wieder herausgekramt, dass Marx in seinen Frühschriften durch aus dem Individualismus etwas abgewinnen konnte. Das ist lange schon bekannt und macht ihn noch lange nicht zu einem möglichen und wünschenswerten Bündnispartner.

Das ganze mündet in dem Plädoyer für einen libertären Marxismus. Über diesen erklären die Autoren im Gestus der Phrasendrescherei verhaftet bleibend: “Wir denken nicht, dass der libertäre Marxismus einer Doktrin gleichkommt, einen vollendeten theoretischen Korpus darstellt: Es handelt sich vielmehr um eine Wahlverwandtschaft, einen bestimmten politischen und intellektuellen Ansatz: den gemeinsamen Willen, sich mit der Revolution von der Diktatur des Kapitals zu befreien, um eine nicht entfremdete Gesellschaft zu errichten, egalitär, befreit vom autoritären Joch des Staates.” (155).

Dieses Machwerk ist einfach nur ärgerlich. Hier versuchen zwei Trotzkisten im anarchistischen Spektrum zu angeln. Ziemlich wahllos werden Theoretiker*innen und Ereignisse herangezogen und Differenzen heruntergespielt, übertünscht oder einfach gar nicht erwähnt. So ein stümperhafter Versuch einer Vereinigung bringt niemanden etwas. Schade, dass sich der Verlag Die Buchmacherei auf diese Publikation dessen eingelassen hat.

Olver Besancenot / Michael Löwy: Revolutionäre Annäherung. Unsere roten und schwarzen Sterne – Für die Solidarität zwischen Marxist*innen und Anarchist*innen, Verlag Die Buchmacherei Berlin 2016, 167 S., ISBN: 978-3-00-053364-8, Preis: 12 €.


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Maurice Schuhmann

Dr. Maurice Schuhmann ist Politikwissenschaftler – mit Schwerpunkt in den Bereichen Politische Ideengeschichte und Politische Soziologie – und Ethiklehrer. Er lehrt derzeit als Lehrbeauftragter an den Universitäten FU Berlin, Universität Hamburg und Universität Stuttgart sowie an der Grone Schule in Berlin.