Vom Minister Maas, der das rechte Maß verlor und der Kultur, die auszog das Gruseln zu lernen.

Singt nicht für Maas: Georg Herwegh.

In einem Interview mit dem Bildformat «Die richtigen Fragen»  hat Justizminister Maas sich die Formulierung «Rock gegen links» vielleicht unbedacht, sicher aber zum allgemeinen Schaden zu eigen gemacht.

In einem Beitrag auf Deutschlandfunk merkt Dirk Schneider richtigerweise an: «Doch eines zeigt die Äußerung von Maas, und das ist erschreckend genug: Dass er als deutscher Justizminister offenbar noch nie etwas gehört hat von den rechtsextremen Rockfestivals, die auch diesen Sommer wieder in Deutschland stattfinden, mit Titeln wie «Rock für Deutschland», «Rock gegen Überfremdung», «Rock für Identität». Es gibt sie zuhauf, diese «Rock gegen Links»-Festivals. Aber wer weiß schon davon, außer eingeweihten Rechten und ein paar linken Aktivisten?»

Es ist allerdings eine Frage der Kultur, dass jene Minister, in deren Wirkungsbereich die Wahrung von Verfassung und Rechtsstaat gehören, wissen, was jene treiben, die sich Obrigkeitsstaat, Polizeistaat oder gar die rassisch reine Diktatur des Germantums in Deutschland wünschen. Immerhin reicht deren Strahlkraft bis in die AfD und weit über deren nationalsozialistischen Flügel hinaus.

Das aber passiert genau dann, wenn versucht wird, auf den Flammen in der Hamburger Schanze ein Wahlkampfsüppchen zu kochen. In der Wassersuppe, die Teile, wohlgemerkt nur Teile, von CDU/CSU, FDP (insbesondere um den Hamburger Provinzpolitiker Burkhardt Müller-Sönksen herum) und SPD da über die Flammen garen die verdorbenen Zutaten längst vergangener Zeiten.

Der Versuch die marodierenden Randalierer in Hamburg herzunehmen, um ganz allgemein, im Speziellen aber gegen die Linke, zu polemisieren und, wie einige blöd genug waren es zu tun, zu rufmorden, wird auf jene zurückfallen, die ihn unternehmen.

Denn während die festgenommenen Gewalttäter  vors Gericht gestellt werden und das Treiben damit sanktioniert werden wird, wird das Fehlverhalten derer, die jetzt noch gegen alles, was nicht zu ihrer sogenannten Mitte gehört, die sie weit nach rechts gedehnt haben, damit sie die Frontlinie bilden kann, ja nicht verschwiegen werden können. Die Fragen sind ja bekannt:

Weshalb hat die Hamburger Einsatzleitung nicht gewusst, welche auswärtigen Straftäter sich auf den Weg nach Hamburger gemacht haben.
Warum waren in den großen Einkaufsstraßen in Altona keine Polizisten stationiert, ob wohl diese Straßen doch auf der Verbindungsachse zu Reeperbahn und Schanze liegen?
Wurde mit Geheimdiensten aus Diktaturen zusammengearbeitet, um Journalisten wieder von den Akkreditierungslisten zum Gipfel zu entfernen?
Gab es Anweisungen zum gewaltsamen Umgang mit Journalisten bei den Demonstrationen?
Weshalb wurde am Samstag nicht versucht mit Wasserwerfern und Räumpanzern in die Schanze zu fahren, die ja nicht durch Gehwegplatten und Molotowcocktails gefährdet gewesen wären.
Weshalb wurden keine anderen Zugänge gesucht?
Wie sah die Strategie des Leiters der Einsatzkräfte, Dudde, aus?
Dieser Art Fragen gibt es mehr. Man wird sie in einem Untersuchungsausschuß der Bürgerschaft, des Landesparlaments also, in Hamburg klären müssen. Man wird aber auch einen Untersuchungsausschuß des Bundestages bilden müssen. Denn natürlich gibt es Fragen die Bundesministerien betreffen.

Es wäre also vielleicht angebracht «Rock gegen Großmannssucht und Dummheit» auf die Bühne zu bringen. Aber Maasens schnelle Annahme des Titels, der ihm eben nicht untergeschoben, sondern dargereicht wurde, offenbart auch eine Unkenntnis über die Kultur nicht nur in diesem Land.

Es gibt kein überdauerndes Werk, sei es eines der Bildenden Kunst, der Musik oder der Literatur, welches in seinem Wesen rechtsradikal wäre. Ja selbst stark rechtskonservative, chauvinistische Werke findet man nur in einem sehr geringen Maße. Michel Houellebecq vielleicht, Ernst Jünger sicher, sonst kaum einen. Die Werke «linker» Autoren, Maler, Musiker hingegen sind Legion. Was Maas fordert, ist auch ein Kulturbruch. Denn wer sollte die Kunst da auf die Bühne bringen, wenn nicht jene rechtsradikalen Barden, die es doch einzig sein könnten. Es ist ja kein Witz, wenn von Frei.Wild  bis Sneipir alles an Rechtsrockbands aufzählt wird, was Rang und schlechten Namen hat. Es ist ja kein anderer da. Soll Udo Lindenberg Musik gegen Udo Lindenberg machen, BAP gegen BAP? Peter Fox gegen Peter Fox? Sollen die Ärzte Friede, Freude, Eierkuchen fordern.
Maas Griff nach dem vergifteten Happen «Rock gegen links» war eine absolute intellektuelle Fehlleistung. Sie ist eigentlich durch nichts zu rechtfertigen. Denn man muss von einem Bundesminister, noch dazu von jenem, der die Verfassung in besonderem Maße wahren soll, erwarten können, dass er soviel Wissen über die Kultur des Landes hat, dessen Recht er schützt, dass er auf diese Happen nicht hereinfällt.

Vielleicht aber ist er gar nicht reingefallen. Vielleicht ist das die nun vollständige Verabschiedung der SPD aus ihrer Geschichte. Vielleicht sprach da nicht der Minister der Justiz, sondern der SPD-Funktionär. Dann aber muss gesagt werden. Es gibt keinen Platz für eine SPD, die sich nicht nur inhaltlich, sondern auch beim Aussehen der Fassade aus ihrer Geschichte verabschiedet. Der Niedergang ist ja schon da. Noch mag er umkehrbar sein, wenn die Partei jemanden vom Format eines Sanders oder Corbyn findet. Aber wenn da der Funktionär sprach, der möglicherweise ja die innere Verfassung seiner Partei wiedergab, dann ist die offenbargewordene Kulturlosigkeit auch und auch schon der Wunsch nach völligem Vergehen der SPD im Nichts der Unkultur.


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Leander Sukov

Schriftsteller, wohnt in Ochsenfurt. Studium der Volkswirtschaft (unvollendet). Geschäftsführer und Prokurist bei Unternehmen in Hamburg und Berlin. PR-Manager und Kulturjournalist. Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller und des PEN Zentrums Deutschland.